EINFÜHRUNG | PRAXIS | FACHLITERATUR | KAHOOTs | INTERSEKTIONALITÄT | RECHT
Im Kapitel Bildung befinden sich Informationen zu vorschulischen Institutionen, Schule, Ausbildung/Studium (national wie international) des Vereins Intersex & Transgender Luxembourg a.s.b.l. und sonstiges Wissenswertes. In den einzelnen Unterordnern geht es um didaktische bzw. pädagogische Hinweise, Unterrichtsmaterialien zum Thema Geschlechtervielfalt wie auch Hintergrundinformationen.
Die Gliederung der Unterrichtsmaterialien und didaktischen Hinweise erfolgt nach Schulformen bzw. Altersstufen. Hintergrundinformationen sind davon unabhängig, da alle Fachkräfte in vorschulischen und schulischen Einrichtungen Grundwissen zu geschlechtlicher Vielfalt benötigen.
Hinweis: Lehrkräfte können grundsätzlich offen damit umgehen, wenn sie Wissenslücken haben. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass die Lernenden ihr eigenes Wissen einbringen und sich als kompetent erleben können. Auf diese Weise kann eine Lernsituation entstehen, in der eine gleichberechtigte Interaktion möglich ist. Dies wirkt sich positiv auf die Motivation der Lernenden aus, da sie sich in ihrer Kompetenz gesehen und wertgeschätzt fühlen. Ein möglicher Ansatz könnte darin bestehen, gemeinsam Antworten auf gestellte oder offene Fragen zu finden.
EINFÜHRUNG Geschlechtervielfalt in der Bildung
Jill – als Beispiel für geschlechtliche Vielfalt beim Menschen

Gender-Jill © Ursula Rosen (mit freundlicher Genehmigung)
Junge – Mädchen – oder? Bis auf wenige Ausnahmen wird allen Kindern bei der Geburt ein binäres Geschlecht, entweder weiblich oder männlich, zugeordnet. Auch meist wird angenommen, dass Kinder das ärztlich festgelegte Geschlecht für sich annehmen und sich gemäß dieser Zuordnung geschlechtlich verorten. Allerdings gibt es einerseits jene, deren körperliche Merkmale keine (eindeutige) Zuordnung gemäß der beiden Standardgeschlechter weiblich / männlich erlauben, und andererseits jene, deren Zuweisungsgeschlecht von ihrer geschlechtlichen Selbstwahrnehmung abweicht. Sie – beide, d.h. →inter und →trans (-geschlechtliche) Kinder, ob sich sich selbst als →binär oder →abinär empfinden – stören unsere Vorstellungen geschlechtlicher Binarität des Menschen und die daraus resultierenden Geschlechternormen, die oftmals unerkannt als Basis für →Geschlechterstereotypen dienen. Eine kleine Übersicht zu einer ersten Einordnung von Begriffen findet sich hier. (Mehr)
Grundlagenfilm zu Geschlechtervielfalt auf körperlicher Ebene mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen: Was wird es denn? (Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in Sachsen e.V. (LAG), Video, Dauer: 3:50min., inter, menschliche Vielfalt) mit DE-Untertiteln
Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen
Kinder und Jugendliche haben unterschiedliche Bedürfnisse, um sich positiv entwickeln und lernen zu können. Die Schule als zentrale Institution im Leben von Kindern und Jugendlichen muss diese Bedürfnisse erkennen, berücksichtigen und Kompetenzen zu fördern. Dabei ist zunächst zu klären, ob es besondere Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen gibt, die sich als trans wahrnehmen, oder ob es sich um Bedürfnisse handelt, die alle Kinder haben. (Mehr)
Mädchenseele (Anne Scheschonk, Dokumentarfilm, 29min.57)
PRAXIS
VORNAME-PRONOMEN | SPRACHE | RÄUME | GRUPPENFAHRTEN | DOKUMENTE | DEADNAME-MISGENDERN | Schüler_innen-FAQ
Die Frage nach dem Umgang mit trans Kindern und Jugendlichen wird immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen aufgeworfen (mehr).
Daher geht es diesem Abschnitt um praktische Möglichkeiten, den Bedürfnissen von geschlechtsvarianten jungen Menschen angemessen Rechnung zu tragen. Bei den meisten von ihnen spielen Vorname, Pronomen und Umgang mit geschlechtergetrennten Räumen wie auch die Teilnahme an Gruppenfahrten eine zentrale Rolle.
Vorname und Pronomen: Wenn es das Bedürfnis eines jungen Menschen ist, nach dem →Coming-out oder auch bei Anmeldung an einer neuen Schule (z.B. →stealth) mit einem anderen Namen und/oder Pronomen angesprochen zu werden als dies in der Geburtsurkunde vermerkt ist, so sollte dies auch in der Schule umgesetzt werden. Es gibt keine gesetzliche Regelung, die Schulen dazu zwingt, Kinder und Jugendliche mit dem in der Geburtsurkunde verzeichneten Namen anzusprechen (vgl. Spitznamen, Abkürzungen o.ä.) und diesen alleinig in den Schuldokumenten zu verwenden. Dies gilt für alle jungen Menschen, d.h. auch junge →cis Personen, die aus einem bestimmten Grund den in der Geburtsurkunde vermerkten Vornamen nicht verwenden möchten, wie auch für Erwachsene. Wichtig ist zudem, keinen jungen Menschen zu einem Coming-Out zu drängen oder ihn daran zu hindern. Entscheidend ist vielmehr, die Person zu befähigen, die Vor- und Nachteile ihrer Entscheidung im Vorfeld gut abzuwägen, da sie in erster Linie die Person ist, die von den Folgen „betroffen“ ist. Es gibt Argumente für und gegen ein Coming-out, wie auch für und gegen ein Leben in stealth.
Auszug aus dem Themenpapier Human Rights and Gender Identity and Expression der Kommissarin für Menschenrechte des Europarates (2024, pdf, S. 65/66): „Schulen können trans Kinder unterstützen, indem sie Maßnahmen ergreifen, die eine soziale Transition respektieren, zum Beispiel durch die Anerkennung ihres Namens und ihrer Pronomen in der Klasse und auf den Klassenplänen, oder wenn das Kind an geschlechtsspezifischen Sportaktivitäten teilnimmt oder geschlechtergetrennte Toiletten aufsucht, im Einklang mit dem Themenpapier (siehe Abschnitte über sanitäre Einrichtungen und über Sport) und im Einklang mit dem besten Interesse des Kindes. Diese Vorkehrungen sind nicht sehr aufwendig, können aber für viele trans Kinder lebensverändernd und in einigen Fällen lebensrettend sein. In Italien haben einzelne Universitäten und Sekundarschulen Verfahren eingeführt, um den Namen und das Geschlecht eines Schülers vor der Änderung von Vornamen und Geschlechtseintrag (VÄ/PÄ) anzuerkennen. Selbst in Ländern, in denen die VÄ/PÄ für Minderjährige vorsehen ist, betont der Kommissar, dass eine VÄ/PÄ keine Bedingung dafür sein sollte, dass Schulen die Geschlechtsidentität eines Kindes respektieren, da das Kind die Freiheit haben sollte, seine Identität außerhalb formalisierter Verfahren zu erkunden.“ Dies schließt die Nutzung des als passend empfundenen Vornamen in der schriftlichen Dokumentation wie auch auf Zeugnissen ein.
„Wenn die Änderung von Vornamen und Geschlechtseintrag verfügbar ist und beantragt wurde, müssen die Behörden sicherstellen, dass Bildungsnachweise und Diplome, die vor der VÄ/PÄ erworben wurden, ordnungsgemäß geändert werden, um den richtigen Namen und die Geschlecht der betreffenden Person widerspiegeln. Das Versäumnis, dies zu tun, kann ein erhebliches Hindernis darstellen für Zugang zu weiterer Bildung oder Beschäftigung im späteren Leben darstellen.“
Geschlechtergerechte Sprache: Dieser Ansatz versucht die sprachliche Dominanz von Mann/Männlichem zu verdeutlichen und hat zum Ziel, alle nicht-männlichen Menschen sprachlich sichtbar und gleichberechtigt zu integrieren. Hierzu gibt es in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Entwicklungen zwischen einzelnen Sprachen. (Mehr) S’exprimer sans discriminer. Guide pratique pour un langage inclusif (2022, CET, Cid Fraen an Gender, CNFL), Orientations pour un langage inclusif en français (NATIONS UNIES, Le langage inclusif) and Guidelines for gender-inclusive language in English.

Geschlechtssegregierte Räume: Auch hier gibt es Spielräume, die Institutionen nutzen können. Gemeinsam mit den Beteiligten muss geklärt werden, wo sich das Kind umziehen möchte. Dies kann die gemeinsame Umkleide des empfundenen Geschlechts sein, eine Einzelumkleide, eine alternative Umkleidesituation… Bei Schwierigkeiten innerhalb der Lern-/Wohngruppe muss geklärt werden, wer die Regelung in welcher Weise konkret als problematisch empfindet. Für diese Personen sollte dann eine alternative Umkleidesituation geschaffen werden. Da das Problem meist nicht bei den jungen trans Personen liegt, dürfen diese nicht stigmatisiert werden und zu denjenigen gemacht werden, die dann eine Extralösung hinnehmen müssen.
Gruppenfahrten: Auch wenn es in keiner Vorschrift rechtlich geregelt ist, werden junge Menschen bei Gruppenfahrten meist geschlechtergetrennt in Mehrbettzimmern untergebracht. Regelungen für einen jungen →binären oder →abinären →trans oder →inter Menschen bei Klassenfahrten lassen sich am besten in einem Gespräch mit dem Kind selbst und dessen Eltern treffen. Sollten sich aus den getroffenen Regelungen Probleme bei anderen Kindern/ Jugendlichen ergeben, gilt es, für diese alternative Regelungen zu treffen, da das Problem bei ihnen liegt, nicht bei den geschlechtsvarianten jungen Menschen. (Mehr)
Umgang mit offiziellen Dokumenten (Schüler_innenkarten, Buskarten, Schulakten etc.): Klassenbuch, Klassenlisten, o.ä. sind keine öffentlichen Urkunden und auch nicht für die Nutzung außerhalb der Schule bestimmt. Vielmehr trägt die Schule selbst den Namen ein. Innerhalb der Schule ist also bekannt, wer die Person ist, die mit diesem Namen geführt wird. Eine Täuschung wie Urkundenfälschung oder Falschbekundung im Amt ist somit ausgeschlossen. Die geänderte Namensführung in schulischen Dokumenten ist daher möglich. Durch eine solche Handhabung tragen Schulen maßgeblich zur Unterstützung trans Schüler_innen Kinder bei und haben einen großen Anteil am „Alltagstest“ dieser Kinder, wenn es darum geht zu prüfen, ob dieser Schritt für einen Menschen geeignet ist, sein Leben im Einklang mit der →geschlechtlichen Selbstwahrnehmung weiterzuführen. (Mehr)
Deadnaming und Misgendering: Verwenden des als falsch empfundenen Vornamens (→Deadnaming) wie auch eines unpassend erachteten Pronomens (→Misgendering) bergen ein hohes Potential an psychischem Stress, kann die mentale Gesundheit negativ beeinflussen und zu einem Rückgang von Schulleistungen, Zunahme von Schulabwesenheiten bis zum Schulabbruch führen. Nicht selten werden sie auch als Techniken von →Mobbing/→Bullying eingesetzt und können zu Benachteiligungen gegenüber anderen führen. Daher ist diese wie jegliche andere Form von entwertendem Verhalten zu unterbinden.
Informationen im Überblick zum Download: Handlungsempfehlung zum Umgang mit binäre und abinären trans Kindern in der Schule (Eva Päckert, Erik Schneider)
Schüler_innen-FAQ
Phänomenologie von Schüler_innenfragen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt: Ein praxisnaher Vergleich von Alters- und Ausbildungsklassen
Der sachliche Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im Bildungsbereich erfordert von pädagogischen Fachkräften eine feine Antenne für die jeweilige Entwicklungsphase und den Kontext der Fragenden. Die schulische Praxis zeigt deutlich: „Frage nicht gleich Frage.“ Hinter den Formulierungsmustern verbergen sich völlig unterschiedliche psychosoziale Dynamiken, wie der direkte Vergleich zweier aktueller Erhebungen (Stand: Mai 2026) verdeutlicht.
Während jüngere Jugendliche stark mit sich selbst, ihrer Peergroup und dem Austesten von Grenzen beschäftigt sind, blicken angehende Fachkräfte bereits durch die Brille ihres zukünftigen Berufs auf die Thematik.
Die Entwicklungsphasen im direkten Vergleich
Die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht den fundamentalen Perspektivenwechsel zwischen der mittleren Pubertät (Sekundarstufe) und dem Eintritt in die Professionalität (LTPES-Abschlussjahrgang):
| Analyse-Dimension | Sekundarstufe (Klasse 5e / ca. 14-15 Jahre) | Professionalisierungsebene (LTPES / ca. 20+ Jahre) |
| Zentrale psychosoziale Dynamik | Ich-Bezug, Identitätsfindung & Statussicherung Fragen sind stark von Gruppendynamiken, digitaler Netzkultur und dem Austesten institutioneller Grenzen geprägt. | Systemischer Bezug & Fachlicher Habitus Das Frageinteresse transformiert sich im Hinblick auf den baldigen Eintritt in das Berufsleben auf dem Terrain. |
| Die unbewusste Kernfrage | „Wer bin ich, wer bist du, was ist normal und wie weit kann ich gehen?“ | „Wie agiere ich als Teil des Systems und wie handle ich professionell und rechtssicher?“ |
| Umgang mit Sexualität & Körper | Neugierig-unsicher, teils mechanisch Geprägt von unfiltrierten Netzinhalten. Hohes Bedürfnis nach basaler Entmystifizierung und biologischer Aufklärung. | Reflektiert & Vermittelbar Einbettung von Sexualität in Emotionen, Partnerschaft und die Reflexion über die eigene pädagogische Sprechfähigkeit. |
| Bedeutung von Diskriminierung | Unmittelbarer Nahraum Fokus liegt auf der sichtbaren Lebensrealität (Mobbing in der Klasse, Ausgrenzung auf dem Schulhof). | Strukturelle Relevanz Fokus liegt auf Makro-Strukturen (Rechtslage in Luxemburg, arbeitsrechtliche Hürden, gesellschaftliche Inklusion). |
| Funktion von „Grenztests“ | Testballons zur Statussicherung Fragen nach dem intimen Privatleben der Lehrkraft („Bodycount“) oder Phänomenen wie „Furries“ testen die Souveränität der Erwachsenen. | Professionelle Selbstzensur Durch die Ankündigung einer direkten, interaktiven Beantwortung fallen provokante Grenztests zugunsten fachlicher Relevanz weg. |
| Der pädagogische Auftrag | Grenzverletzungen der eigenen Intimsphäre sachlich abweisen; gleichzeitig sozialen Druck auffangen und Sachfragen wertfrei beantworten. | Förderung von Reflexionsfähigkeit, juristischer und begrifflicher Faktenkompetenz sowie professioneller Handlungssicherheit. |
Tiefenanalyse der beiden Kohorten
1. Die Sekundarstufe (14-15 Jahre / Klasse 5e): Wunsch nach Information, Grenztest und Statussicherung
In der mittleren Pubertät erfüllt das Fragenstellen im Unterricht eine doppelte Funktion. Einerseits besteht ein ehrliches, oft durch Tabus blockiertes Informationsbedürfnis hinsichtlich des eigenen Körpers und der eigenen Identität. Andererseits sind Fragen in diesem Alter immer auch soziale Handlungen innerhalb der Peergroup.
Provokant wirkende Themen oder das gezielte Bohren im Intimbereich der Lehrkraft dienen als Werkzeuge, um den eigenen Status in der Klasse zu festigen und die Belastbarkeit professioneller Grenzen zu prüfen. Jugendliche beobachten hierbei genau, ob die erwachsene Bezugsperson mit Scham, Abwertung oder souveräner Distanz reagiert. Der pädagogische Erfolg hängt hier davon ab, den Raum als sicheren, sachlichen Ort der Aufklärung zu etablieren, ohne sich auf private Spiele einzulassen.
2. Die professionelle Ausbildungsebene (+20 / LTPES-Abschlussjahr, 1ère): Der fachliche Habitus
Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich bei angehenden pädagogischen Fachkräften, beispielsweise im Abschlussjahr der Erzieherausbildung an der École d’Educateurs et d’Educatrices pour Professionnels de l’Éducation Sociale (LTPES). Da diese jungen Erwachsenen unmittelbar vor dem Übergang in die eigenverantwortliche Berufspraxis stehen, verändert sich ihre Motivation grundlegend.
Die basale, oft schambesetzte biologische Neugier weicht dem expliziten Wunsch nach Begriffsklarheit, rechtlicher Faktenkompetenz und konkreter Handlungsfähigkeit für den Berufsalltag. Es dominiert das Bedürfnis, präzise Differenzierungen (wie inter vs. trans oder Geschlechtsidentität vs. sexuelle Orientierung) zu beherrschen und die luxemburgische Gesetzeslage (z.B. das Personenstandsgesetz von 2018) fehlerfrei einordnen zu können. Das Wissen wird nicht mehr primär für die eigene Selbstverortung und Identitätsfindung gesucht, sondern als fachliches Werkzeug für das professionelle Handeln auf dem Terrain.
Projektaufruf: Erfassen weiterer Fragensammlungen
Diese Plattform versteht sich als dynamisches Archiv und lebendiges Arbeitswerkzeug für die pädagogische Praxis in Luxemburg und den deutschsprachigen Raum. Um die Lebensrealitäten, Unsicherheiten und Diskurse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch umfassender abzubilden, möchten wir diese Sammlung kontinuierlich erweitern.
Wir laden Lehrkräfte, pädagogisches Fachpersonal und Bildungseinrichtungen dazu ein, uns anonymisierte Fragensammlungen aus ihren Klassen, Workshops oder Jugendgruppen zukommen zu lassen.
Die methodische Einladung: Präsenz vs. anonyme Distanz
In der sexualpädagogischen Datenerhebung unterscheiden wir bewusst zwischen zwei Ansätzen, die beide ihre spezifischen Vor- und Nachteile haben und für die wir gezielt Material suchen:
- Fragen aus dem direkten Interaktionskontext (Präsenzmethode): Hier wissen die Lernenden, dass wir die Fragen persönlich im Unterricht beantworten. Dies fördert den professionellen Habitus und führt zu strukturierten Fachfragen (wie bei der LTPES-Erhebung), kann jedoch bei sensiblen oder provokanten Themen zu einer gewissen Zurückhaltung aus Scham oder sozialer Erwartbarkeit führen.
- Fragen aus geschützten, rein anonymen Settings (Distanzmethode): Wir laden Schulen ausdrücklich dazu ein, Fragen über anonyme „Briefkästen“/„Blackboxes“ oder digitale Tools zu sammeln, ohne dass die Lernenden direkt mit uns in Kontakt treten oder mit ihren Fragen konfrontiert werden. Unsere Erfahrung zeigt: Je größer die Anonymität und die Distanz zur beantwortenden Instanz, desto unfiltrierter, ehrlicher und ungeschönter sind die Fragen. Genau diese „rohen“ Fragen aus der digitalen Lebensrealität liefern uns die wertvollsten Ansatzpunkte für eine sichere pädagogische Aufarbeitung.
Egal welchen methodischen Weg Ihre Einrichtung wählt: Wir bereiten die Fragen wissenschaftlich, rechtlich und sexualpädagogisch reflektiert auf, um Sie und Ihre Kolleg_innen auf dem Terrain eine praxisnahe Orientierungshilfe an die Hand zu geben.
Kontakt für Einreichungen: Nutzen Sie unsere Informationsstelle unter itgl.contact@gmail.com für die Einsendung Ihrer anonymisierten Fragen (unter Angabe von Schultyp und Altersklasse).
Orientierungshilfe für Lehrkräfte: Sachlicher Umgang mit Fragen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt (5e, 14–15 Jahre, 22.05.2026)
Didaktischer Leitfaden zur Vermittlung der FAQ-Inhalte in der Sekundarstufe (Klasse 5e / ca. 14-15 Jahre)
Ausgangslage & Zielsetzung
In der mittleren Pubertät ist das Fragenstellen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt stark von Gruppendynamiken, digitaler Netzkultur und dem Austesten institutioneller Grenzen geprägt. Für Lehrkräfte, die sich in der Thematik noch nicht vollkommen sattelfest fühlen, besteht die Herausforderung darin, sachliche Information zu vermitteln, ohne dass die Stunde in Unruhe, Kichern oder Grenzüberschreitungen abgleitet. Hier als pdf herunterzuladen.
Methode 1: Das kontrollierte Aquarium (Kontrollierte Interaktion)
Diese Methode verhindert unvorhersehbare Gruppendynamiken, indem die Lehrkraft die Steuerung der Fragen im Vorfeld übernimmt. Die Schüler_innen erleben die Beantwortung dennoch als dynamisch und interaktiv.
Pädagogischer Effekt: Da die Fragen nicht „live“ aus dem Moment heraus gestellt werden, entfällt der soziale Druck innerhalb der Peergroup. Niemand muss sich exponieren, und die Lehrkraft agiert in einem vollständig kontrollierten, vorbereiteten Rahmen.
Vorbereitung: Die Lehrkraft wählt im Vorfeld 5 bis 6 repräsentative Kernfragen aus dem FAQ-Katalog aus (z.B. zwei biologisch-anatomische Fragen, zwei Begriffsabgrenzungen, eine Frage zu Social-Media-Phänomenen). Diese Fragen werden groß auf separate Papierkarten gedruckt.
Durchführung: Die Karten werden im Klassenzimmer verdeckt auf den Tisch gelegt („Das Aquarium“). Ein_e Schüler_in zieht eine Karte und liest die Frage laut vor. Die Lehrkraft liest die vorbereitete, sachliche Antwort vor oder formuliert sie frei auf Basis der FAQ-Fakten.
Nach jeder Antwort eine kurze Reflexionsfrage an die Klasse, z.B.
„Welche Begriffe waren hier neu?“ oder „Warum ist diese Unterscheidung wichtig?“
Optionaler Zusatz: Eine „Ich nehme mir mit…“-Mini-Runde (Ein Satz, anonym oder freiwillig)
Methode 2: Das Expert_innen-Matching (Kleingruppenarbeit)
Diese Methode nimmt die Lehrkraft verlagert die Erarbeitung der Fakten direkt an die Jugendlichen.
Pädagogischer Effekt: Durch den klaren Arbeitsauftrag wird der „Kicher-Faktor“ minimiert. Die Jugendlichen müssen sich funktional mit dem Text auseinandersetzen, um ihn zu komprimieren. Die Lehrkraft wechselt in die Rolle der moderierenden und absichernden Instanz.
Vorbereitung: Die Lehrkraft bereitet Arbeitsblätter vor, die jeweils eine konkrete Schüler_innenfrage und den dazugehörigen, bereits ausformulierten Antworttext aus den FAQs enthalten.
Durchführung: Die Klasse wird in Kleingruppen von 3 bis 4 Personen aufgeteilt. Jede Gruppe erhält ein Arbeitsblatt mit dem Auftrag: „Ihr seid das Expert_innenteam für diese spezifische Frage. Lest euch die wissenschaftliche Antwort durch und fasst die Kernbotschaft für die Klasse in genau drei Sätzen zusammen und beantwortet die Frage „Welche typische Fehlannahme würde diese Antwort korrigieren?“ Im Anschluss stellt jede Gruppe ihr Ergebnis kurz vor. Die Zusatzfrage zwingt zur inhaltlichen Verarbeitung statt nur Verdichtung.
Tipp: 3 Sätze und die Fehlannahme von maximal 3 Gruppen im Plenum vortragen zu lassen oder die Ergebnisse kurz als „Blitzlicht“ (max. 1 Minute pro Gruppe) zu takten, damit die UE nicht zu langatmig wird.
Methode 3: Die souveräne Stopptaste (Schutz der professionellen Distanz)
In dieser Altersphase dienen Fragen nach dem intimen Privatleben oder der sexuellen Orientierung der Lehrkraft häufig als „Testballon“, um Grenzen auszuloten. Hier ist ein klares, reproduzierbares Sprachskript erforderlich.
Pädagogischer Effekt: Die Lehrkraft reagiert weder mit Scham noch mit moralischer Empörung oder disziplinarischer Härte. Grenzen werden vollkommen sachlich aufgezeigt. Die Jugendlichen lernen am professionellen Vorbild, wie gesunde Distanzierung funktioniert.
Das verbale Werkzeug (Skript): „Ich merke, dass euch das Thema beschäftigt, und es ist vollkommen in Ordnung, neugierig zu sein. Aber mein Privatleben und meine sexuelle Orientierung gehören nicht in diesen Raum. Das gehört nicht zum Lernziel dieser Stunde. Wir bleiben bei den Fachfragen – wer liest die nächste Sachfrage vor?“
Methode 4: Der SocMed-Check (Anbindung an die Medienkompetenz)
Viele Fragen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt entstehen bei Jugendlichen nicht primär aus schulischem Wissen, sondern aus Social-Media-Inhalten (z.B. TikTok, YouTube, Instagram). Diese Inhalte sind häufig emotional zugespitzt, vereinfachend oder algorithmisch verstärkt. Die Lehrkraft nutzt diese Ausgangslage, um Medienkompetenz und Fachwissen miteinander zu verbinden.
- Durchführung: Bei Fragen, die erkennbar aus der digitalen Netzkultur stammen, eröffnet die Lehrkraft das Gespräch zunächst mit einer aktivierenden Einstiegsfrage an die Klasse: „Woher kennt ihr diesen Begriff? Wer hat dazu schon einmal ein Video auf TikTok, YouTube oder anderswo gesehen?“ Dadurch wird die Klasse kurz auf ihre eigenen Wissensquellen zurückgeführt, ohne diese sofort zu bewerten.
Anschließend erfolgt die fachliche Einordnung durch die Lehrkraft: „Auf Social Media werden Inhalte oft zugespitzt, vereinfacht oder emotional verstärkt dargestellt. Das kann dazu führen, dass Dinge dramatischer oder eindeutiger wirken, als sie in der wissenschaftlichen oder medizinischen Fachliteratur beschrieben sind.“
Im nächsten Schritt wird die FAQ-Antwort als sachlicher Referenzrahmen eingebracht: „Die medizinische und wissenschaftliche Sicht dazu ist: […]“
Optional kann dieser Schritt durch eine Vergleichsfrage vertieft werden: „Welche seriösen Quellen könnten wir nutzen, um solche Fragen verlässlich zu prüfen?“ (z.B. schulische Materialien, medizinische Fachportale, öffentliche Bildungsangebote).
Pädagogischer Effekt: Die Lehrkraft tritt nicht als „Belehrende“ auf, sondern als Trainerin für Medienkompetenz. Sie holt die Jugendlichen in ihrer Lebensrealität ab und vermittelt die Fähigkeit, emotionale Netzinhalte kritisch mit wissenschaftlichen Fakten abzugleichen.
Abschluß- und Sicherungsphase
Durchführung:
o Die Lehrkraft hält die zentralen Inhalte der Stunde strukturiert fest, indem 3 Kernbegriffe oder zentrale Konzepte an der Tafel notiert werden. Diese dienen als gemeinsamer fachlicher Anker der Stunde.
o Im Anschluss erfolgt ein kurzes „Exit Ticket“ (anonym), das die Schüler_innen schriftlich beantworten, z.B. auf einem Zettel:
„Eine Sache, die ich jetzt klarer verstehe…“
„Eine Frage, die ich noch habe…“
o Die Zettel werden beim Verlassen des Raumes abgegeben oder anonym eingesammelt.
Pädagogischer Effekt:
Die Phase dient der fachlichen Sicherung und emotionalen Entlastung am Stundenende. Zentrale Begriffe werden nochmals gebündelt und kognitiv verankert, während offene Fragen sichtbar werden, ohne sie in die Gruppendynamik der Klasse zurückzugeben. Gleichzeitig erhält die Lehrkraft diagnostische Hinweise für die nächste Unterrichtseinheit.
Brückenschlag: Vom Exit Ticket zur Folgestunde (Umgang mit neuen Netzmythen)
Da im anonymen Exit Ticket („Eine Frage, die ich noch habe…“) wahrscheinlich weitere, oft algorithmisch befeuerte Mythen oder Begriffe aus der digitalen Netzkultur auftauchen werden, dient diese Phase gleichzeitig als didaktische Brücke für die nächste Unterrichtseinheit. Die Lehrkraft greift diese Fragen strukturiert auf, ohne die Anonymität zu verletzen.
- Durchführung (Einstieg in die Folgestunde): Die Lehrkraft eröffnet die nächste Stunde mit einem kurzen Rückblick auf die gesammelten Zettel:
Das verbale Werkzeug (Skript): „Ich habe eure anonymen Fragen aus der letzten Stunde ausgewertet. Dabei ist mir aufgefallen, dass zwei Themen bzw. Begriffe unter euch besonders intensiv diskutiert werden – vieles davon kursiert aktuell auch stark auf TikTok und YouTube. Wir greifen diese zwei Punkte heute direkt auf und prüfen sie, genau wie letztes Mal, ganz sachlich auf Basis der wissenschaftlichen und medizinischen Fakten.“
Pädagogischer Effekt: Die Jugendlichen erleben, dass ihre Fragen ernst genommen werden und der Unterricht einen direkten Bezug zu ihrer digitalen Lebensrealität hat. Gleichzeitig wird verhindert, dass ungeklärte Desinformationen oder Tabuthemen unkommentiert im Raum stehen bleiben. Die Lehrkraft behält auch hier die volle Steuerung über die Auswahl und Taktung der Inhalte, etabliert aber eine verlässliche Routine im Umgang mit digitalen Mythen.
Der finale Stundenabschluss (wenn keine Folgestunde folgt)
Steht für das Thema keine weitere Unterrichtszeit zur Verfügung, muss verhindert werden, dass offene Fragen oder im Exit Ticket geäußerte Mythen als Tabuisierung wahrgenommen werden. Die Lehrkraft spiegelt das Feedback kurz und wertschätzend, verweist aber konsequent auf professionelle, externe Informationsquellen.
- Durchführung (direkt nach dem Einsammeln oder am Stundenende): Die Lehrkraft sammelt die Exit Tickets ein und nutzt die verbleibenden zwei Minuten für eine klare, abschließende Rahmung:
Das verbale Werkzeug (Skript): „Vielen Dank für eure Rückmeldungen und die Fragen auf den Zetteln. Da unsere gemeinsame Zeit zu diesem Thema hiermit endet, kann ich diese Fragen nicht mehr alle im Unterricht beantworten. Mir ist aber wichtig, dass ihr verlässliche Antworten bekommt, die nicht auf Social-Media-Gerüchten basieren. Ihr findet im FAQ-Katalog der Schule [oder: auf den Flyern / wie der Website caitia.de] genau die wissenschaftlichen Fakten dazu. Wer darüber hinaus persönliche Fragen hat, kann sich jederzeit anonym an [Name der Schulsozialarbeit / lokale Beratungsstelle] wenden. Damit ist das Thema für unseren Unterricht abgeschlossen.“
Pädagogischer Effekt: Die Lehrkraft setzt eine professionelle und zeitliche Grenze, ohne die Jugendlichen mit ihren Fragen abzuwerten. Durch den Verweis auf den FAQ-Katalog oder die Schulsozialarbeit wird die Informationspflicht erfüllt und die Eigenverantwortung der Jugendlichen gestärkt. Die Lehrkraft „kommt aus der Nummer heraus“, indem sie sich als Vermittlerin von verlässlichen Pfaden definiert, statt selbst als unerschöpfliche Antwortquelle fungieren zu müssen.
Orientierungshilfe für Lehrkräfte: Sachlicher Umgang mit Fragen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im LTPES-Abschlussjahrgang (1ère, Mai 2026)
Hintergrund-Wissen für die Praxis: Warum unterscheiden sich die Fragen einer 1ière fundamental von denen einer 5e? Lesen Sie unsere entwicklungspsychologische und systemische Analyse im Blogbeitrag: Von der Identitätsfindung zum fachlichen Habitus – Was wir aus Schüler_innenfragen über moderne Aufklärung lernen (23.05.2026).
Fragen sortieren statt Antworten erzwingen – Ein didaktischer Kompass für den Unterricht Lehrkräfte müssen nicht alles wissen, um gute Bildungsarbeit zu leisten (pdf).
Unsicherheiten rund um Sexualität, Geschlecht oder geschlechtliche Vielfalt entstehen im Schulalltag meist nicht aus Ablehnung, sondern aus Begriffsverwirrung, Unsicherheit oder der Sorge, etwas Falsches zu sagen. Gleichzeitig haben viele Jugendliche Angst, ausgelacht oder beschämt zu werden.
antworten, sondern moderiert zunächst einen strukturierten Sortierprozess.
Warum das Abwarten keine Option mehr ist
Wenn die Schule als geschützter, sachlicher Lernraum wegbricht, bleibt das Informationsbedürfnis der Jugendlichen nicht unbefriedigt. Sie weichen dorthin aus, wo Antworten scheinbar nur einen Klick entfernt sind:
- Algorithmisch geprägte digitale Informationswelten
Viele Jugendliche beziehen zentrale Informationen heute aus Social Media, Suchmaschinen und teilweise auch pornografischen Inhalten. Diese Quellen sind häufig fragmentiert, emotional aufgeladen, unrealistisch oder polarisierend (z.B. durch Filterblasen auf TikTok/Instagram) und können so eher verunsichern als aufklären. - Verzerrte Orientierungsangebote ohne pädagogische Einordnung
Insbesondere pornografische Inhalte können – wenn eine fundierte sexuelle Bildung fehlt – zu einem prägenden Bezugspunkt für Körperbilder, Grenzen und Sexualität werden und dabei unrealistische oder einseitige Vorstellungen verstärken. - Aufgabe der Schule als Orientierungsraum
Schule sollte diesen digitalen Einflüssen kein simples Gegennarrativ entgegensetzen, sondern einen sachlichen, biologisch und psychosozial fundierten Rahmen schaffen, der hilft, Inhalte kritisch einzuordnen und Orientierung zu gewinnen.
Umso wichtiger ist es, den Jugendlichen im Klassenzimmer ein verlässliches, strukturiertes Gegenüber zu bieten. Nicht als unfehlbare Instanz, sondern als gemeinsame Suchende, die für Antworten offen sind.
Die Methode: Struktur vor Inhalt
Diese bewährte Methode verlagert den Fokus: Die Lehrkraft muss nicht sofort inhaltlich antworten, sondern moderiert im ersten Schritt einen reinen Sortierprozess. Das nimmt den Druck vom Podium, schafft Ordnung im Begriffswirrwarr und sichert den Raum.
Schritt 1: Anonyme Sammlung (ca. 5–10 Minuten)
Jede_r Schüler_in erhält identische Karteikarten (oder nutzt ein anonymes digitales Tool).
- Die goldene Regel: Jede Frage ist erlaubt. Keine Namen, keine Handschriften-Tests.
- Der Praxistipp: Wer keine Frage hat, schreibt ein Kreuz oder das Rezept für Pfannkuchen auf die Karte. So müssen am Ende alle einen Zettel abgeben, und die Anonymität bleibt für diejenigen geschützt, die sich sonst niemals zu fragen trauen würden.
Schritt 2: Das Kategoriengitter als Tafelbild (ca. 5 Minuten)
An der Tafel oder dem Smartboard werden drei Spalten vorbereitet, die als kognitive Orientierung dienen:
| A. Sexualität | B. Geschlecht | C. Kontext & Sprache |
| Sexuelle Orientierung (Wen liebe ich?) | Körperliches Geschlecht (Biologie, Pubertät, Variationen der Geschlechtsmerkmale) | Sprache & Respekt (Begriffe, Pronomen) |
| Beziehungen & Gefühle (Freundschaft, erstes Mal) | Psychosoziales Geschlecht (Identität, trans Binarität/Abinarität, Rollenbilder) | Medien & Recht (Gesetze, Social Media, Diskriminierung) |
| Körperwissen & Sexualität | Amtlicher Eintrag (Geburtsurkunde, Namensänderung) | Sonstiges |
Schritt 3: Die Sortier-Phase (ca. 20 Minuten)
Die Lehrkraft liest die eingegangenen Karten nacheinander vor. Wichtig: Jetzt wird noch nicht inhaltlich geantwortet. Die einzige Frage an die Klasse lautet:
„In welche Spalte und in welche Untergruppe gehört diese Frage?“
Der Lerneffekt: Allein durch diesen Schritt lernen die Jugendlichen den wichtigsten Unterschied: Dass beispielsweise eine Frage zu Transgeschlechtlichkeit (Spalte B) absolut nichts mit der sexuellen Orientierung (Spalte A) zu tun hat. Die kognitive Trennung wird visuell begreifbar.
Schritt 4: Die Bearbeitung & Der Parkplatz (ca. 10 Minuten)
Fragen, die direkt und sicher beantwortet werden können, werden besprochen. Für alles andere wird ein „Parkplatz“ (eine Ecke an der Tafel) eingerichtet:
- Hochspezifische, medizinische oder rechtliche Fragen wandern dorthin.
- Formulierungshilfe: „Das ist eine hervorragende und sehr spezifische Frage. Die parken wir hier, und ich recherchiere das bis zur nächsten Stunde im Fachportal caitia.de / wir laden dazu eine Fachperson ein.“
Drei Entlastungs-Sicherungen für die Moderation
- Sachlichkeit bricht Provokation: Jugendliche testen Grenzen. Tauchen vulgäre Begriffe oder Scherzfragen auf, reagieren Sie nicht mit moralischer Empörung. Übersetzen Sie den Begriff emotionslos in die medizinische Fachsprache („Hier wird ein umgangssprachliches Wort für das Genital X genutzt. Wir sortieren das unter Körperwissen ein.“). Das nimmt der Provokation sofort den Reiz.
- Sokratisch korrigieren, nicht autoritär: Wenn die Klasse eine Frage falsch einsortiert (z.B. eine Frage zu trans bei den sexuellen Praktiken), korrigieren Sie das nicht dogmatisch. Fragen Sie stattdessen: „Geht es bei dieser Frage darum, wie Menschen miteinander intim werden, oder darum, wer man selbst im eigenen Körper ist?“ Die Klasse wird den Fehler selbst korrigieren.
- Mut zur Lücke: Es ist ein Zeichen von Professionalität und Stärke, eine Antwort nicht zu wissen. Jugendliche schätzen die Ehrlichkeit einer Lehrkraft, die zugibt: „Ich bin in diesem Bereich auch Suchende_r, lasst uns gemeinsam nachsehen, was die Fachwissenschaft dazu sagt.“
Praxis-Kompass: Umgang mit klassischen Schlüsselsituationen (ca. 10-15 Minuten)
Es gibt Fragen, die im Unterricht eine besondere Dynamik auslösen können – entweder weil sie das Intime berühren oder die professionelle Distanz der Lehrkraft testen. Mit der richtigen Struktur lassen sich auch diese Situationen absolut souverän moderieren.
Situation 1: Fragen nach dem Geschlechtsverkehr („Wie funktioniert das genau?“)
Wenn solche Fragen auf den Karten landen, bricht in der Klasse oft nervöses Kichern aus. Für die Lehrkraft gilt hier: Biologisieren und Entmystifizieren. Jugendliche stellen diese Fragen oft nicht aus Voyeurismus, sondern weil ihre bisherige Primärquelle (Pornografie) ihnen eine völlig verzerrte, mechanische und oft grenzverletzende Performance zeigt. Sie suchen insgeheim nach der biologischen und emotionalen Realität.
- Das Sortieren: Die Frage gehört glasklar in Spalte A unter „Körperwissen & Sexualität“ oder „Beziehungen & Gefühle“.
- Die pädagogische Haltung: Behandeln Sie die Frage mit derselben klinischen Sachlichkeit wie die Funktionsweise des Herz-Kreislauf-Systems. Wenn die Details Ihnen unangenehm sind, nutzen Sie das Prinzip der „Verschiebung auf die Sach-Ebene“.
- Formulierungshilfe für die Lehrkraft: „Hier ist die Frage, wie Geschlechtsverkehr genau funktioniert. Das sortieren wir bei ‚Körperwissen und Praktiken‘ ein. Biologisch gesehen geht es dabei um das Zusammenspiel von Genitalien, Nervenreizen und Hormonen. Aber zur Sexualität gehört eben nicht nur Biologie, sondern vor allem die Spalte daneben: Gefühle, Konsens – also dass beide das wollen – und Verhütung. Wir werden uns in der nächsten Einheit die biologischen Grundlagen und die Verhütungsmethoden genau ansehen.“
Situation 2: Die persönliche Frage („Sind Sie schwul / lesbisch / trans?“)
Diese Frage kann anonym auf einer Karte landen oder (häufiger) laut in den Raum gerufen werden, um die Lehrkraft zu testen oder aus echter, biografischer Neugier.
Hier gilt die eiserne Regel: Die Lehrkraft ist nicht das Anschauungsobjekt des Unterrichts. Sie müssen Ihr Privatleben nicht offenlegen, um kompetent aufzuklären. Gleichzeitig darf die Antwort nicht wie eine schambehaftete Abwehr wirken (denn das würde signalisieren: „Schwul sein ist etwas, das man verheimlichen muss“).
- Die Methode: Die Frage „demokratisieren“. Drehen Sie die persönliche Frage sofort um und machen Sie daraus eine strukturelle Frage für die ganze Klasse.
- Formulierungshilfe für die Lehrkraft: „Das ist eine persönliche Frage an mich. Im Unterricht geht es aber nicht um mein Privatleben, sondern um euer Wissen. Aber lasst uns die Frage mal für die Struktur nutzen: Wenn jemand schwul oder lesbisch ist – in welche unserer Spalten an der Tafel gehört das? Genau, in Spalte A unter ‚Sexuelle Orientierung‘. Und was bedeutet das eigentlich genau? Lasst uns das mal sachlich definieren…“
- Die Ausnahme (Für Lehrkräfte, die geoutet und damit d’accord sind): Wenn eine Lehrkraft völlig offen damit umgeht, kann sie es kurz positiv spiegeln und sofort wieder versachlichen: „Ja, bin ich. Das gehört in Spalte A unter sexuelle Orientierung. So, und jetzt schauen wir uns an, was der Unterschied zwischen Orientierung und Geschlechtsidentität ist…“ (Damit ist der „Sensationswert“ sofort verpufft).
Warum diese Reaktionen den Raum schützen
Durch diese professionelle Distanz lernen die Jugendlichen zwei fundamentale Dinge fürs Leben, die sie weder bei TikTok noch in Pornos sehen:
Ent-Emotionalisierung: Wenn die Lehrkraft bei dem Wort „Geschlechtsverkehr“ oder „schwul“ nicht errötet oder schimpft, verliert das Thema seinen tabuisierten Reiz. Es wird besprechbar. Und genau das öffnet die Tür für die Jugendlichen, um mit ihren echten Sorgen zu dir oder den Beratungsstellen zu kommen.
Intimität braucht Grenzen: Sie sehen an Ihrem Beispiel, dass man über Sexualität sprechen kann, ohne sich selbst nackt machen zu müssen. Das ist gelebte Prävention.
Unterstützung für Ihre Unterrichtspraxis Sie stehen vor einer konkreten Herausforderung in der Klasse oder haben fachliche, rechtliche oder methodische Rückfragen zu diesen Themen? Das Team von Intersex & Transgender Luxembourg (ITGL) unterstützt Sie gerne. Melden Sie sich unkompliziert per E-Mail unter: itgl.contact@gmail.com
Körperlichkeit & Scham
Der eigene Körper ist die primäre Schnittstelle, über die Jugendliche die Welt erfahren – und gleichzeitig der verletzlichste Ort ihrer Identitätsentwicklung. In kaum einer anderen Lebensphase treffen das Entdecken der eigenen Körperlichkeit und das Erleben von Scham so intensiv aufeinander wie im Jugendalter. Scham ist dabei kein rein negatives Gefühl, sondern oft ein wichtiger Schutzmechanismus für die eigenen Grenzen. In einer hypervisuellen Welt und unter dem permanenten Druck von Peer-Groups und sozialen Medien wird Scham jedoch oft zum unsichtbaren Motor für Verunsicherung, Rückzug oder unbewusste Abwehrhaltungen.
Diese Rubrik widmet sich den schambesetzten Tabuzonen im Alltag von Jugendlichen. Wir beleuchten einzelne Facetten dieser Schammechanismen im Alltag – jenseits von erhobenen Zeigefingern oder einfachen Patentrezepten. Ziel ist es nicht, Antworten zu liefern, sondern Fragen so zu sortieren, dass Räume für Reflexion entstehen. Denn erst wenn wir vermitteln, wie Körperlichkeit und Scham das Verhalten steuern, können wir Jugendliche dabei unterstützen, ein selbstbestimmtes, respektvolles und empathisches Verhältnis zu sich selbst und anderen zu entwickeln.
Körperliche Vielfalt und die Macht des normierenden Blicks: In der Jugend lernen viele junge Menschen ihren Körper als etwas Eigenes wahrzunehmen. Gleichzeitig begegnen sie gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie ein Körper auszusehen hat, was als „normal“ gilt und welche Merkmale als erklärungsbedürftig erscheinen. Besonders deutlich wird diese Spannung dort, wo bei Variationen der Geschlechtsmerkmale körperliche Vielfalt auf starre Vorstellungen von Geschlecht trifft.
Intro: In der Peer-Group oder auch unter Kumpels ist heute vieles leichter geworden: Man nimmt sich in den Arm, zeigt sich emotional und teilt Dinge, die früher als Tabu galten. Aber es gibt Räume und Momente, in denen das unbeschwerte Gefühl für den eigenen Körper plötzlich aufhört. Was viele Jungen beispielsweise unter der Dusche nach dem Sport als tiefes, plötzliches Unbehagen erleben – die Angst vor dem taxierenden „Blick“ der anderen, das Gefühl des Ausgeliefertseins und der stressige Druck, permanent einer optischen Norm entsprechen zu müssen, – ist für Mädchen wie auch Jugendliche mit Variationen der Geschlechtsmerkmale (Intergeschlechtlichkeit) eine dauerhafte, oft lebensbegleitende Realität.
Der Unterschied ist jedoch gravierend: Während das Unbehagen in der Umkleidekabine eine soziale Dynamik unter Gleichaltrigen ist, erfahren intergeschlechtliche Menschen von Geburt an eine ganz andere, institutionelle Dimension dieses Blicks: den normierenden Blick der Medizin. Wenn eine gesellschaftliche Norm so starr ist, dass die bloße Existenz einer biologischen Vielfalt – wie eine anatomisch größere, aber völlig gesunde und funktionale Klitoris – im Umfeld, sogar bei den eigenen Eltern Angst und Unbehagen auslöst, wird das Problem auf den Körper des Kindes verlagert. Anstatt die Vielfalt schamfrei als natürlichen Teil menschlicher Existenz anzuerkennen, wird medizinisch-operativ eingegriffen, um den Körper in ein verengtes visuelles Raster von Weiblichkeit (oder bei Hypospadie von Männlichkeit) zu pressen. In diesem Moment stößt das gelernte Prinzip von Consent (Einverständnis) an seine deutlichste Grenze: Hier wird unwiderruflich über die anatomische Zukunft und das spätere Erleben von unversehrter Lust eines Menschen verfügt, lange bevor die betroffene Person selbst informiert zustimmen oder ablehnen kann. Die Scham, die dabei erzeugt wird, gehört nicht auf die Patient_innenliege der betroffenen Jugendlichen – sie gehört dorthin zurückgebracht, wo versucht wird, gesunde biologische Vielfalt kosmetisch wegzuschneiden.
An diesem Beispiel wird das Prinzip von Consent (Einverständnis) besonders anschaulich:
1. Die Verschiebung der Scham: Warum empfinden Gesellschaften körperliche Variationen, die von etablierten Vorstellungen von Weiblichkeit oder Männlichkeit abweichen, häufig als problematisch? Und weshalb entsteht daraus mitunter der Wunsch, Körper an bestehende Normvorstellungen anzupassen? Die Debatte lenkt den Blick auf eine grundlegende Frage: Sollte Scham bei den betroffenen Menschen entstehen – oder vielmehr dort hinterfragt werden, wo körperliche Vielfalt als Abweichung oder Defizit bewertet wird?
2. Die Frage nach körperlicher Souveränität: Consent bedeutet, über den eigenen Körper und die eigenen Grenzen selbst entscheiden zu können. Bei irreversiblen Eingriffen an nicht einwilligungsfähigen Kindern stellt sich deshalb die Frage, wie weit Entscheidungen über den Körper eines Menschen vorweggenommen werden dürfen. Anders als in vielen Alltagssituationen kann eine solche Entscheidung später nicht rückgängig gemacht werden. Damit berührt die Diskussion grundlegende Fragen von Selbstbestimmung, körperlicher Integrität und dem Recht, später selbst über die eigene körperliche und sexuelle Zukunft entscheiden zu können.
Politische Dimension in Luxemburg (UE’s für Vie&So)
Vom intimen Körpergefühl schlägt das Modul die Brücke direkt zu den politischen Verhandlungen und der rechtsstaatlichen Realität in Luxemburg:
- Der Verfassungskonflikt: Artikel 13 Absatz 1 der luxemburgischen Verfassung garantiert: „Toute personne a droit à son intégrité physique et mentale.“ (Das Recht auf körperliche Unversehrtheit). Das einfache Recht untersagt solche Eingriffe an Kindern im Prinzip ebenfalls.
- Die parlamentarische Realität (Question parlementaire n°3919): Wie politische Prozesse und Kontrollen in Luxemburg funktionieren, zeigt die parlamentarische Anfrage vom 14. April 2026 (gestellt von Claire Delcourt, Paulette Lenert und Mars Di Bartolomeo). Sie legt offen, dass das Gesetz zwar schützt, aber dehnbare Ausnahmen für „medizinisch begründete Maßnahmen“ zulässt, wie aus der behördlichen Antwort hervorgeht. In der Praxis führt diese Grauzone oft dazu, dass kosmetische Genitaloperationen fortgeführt werden – und das System damit eher die Ärzteschaft vor strafrechtlichen Konsequenzen schützt als das einwilligungsunfähige Kind vor einer Körperverletzung.
Übung 1: Der schnelle Einstieg (Impulsfragen für die Plenumsdiskussion)
Diese Fragen knüpfen direkt an die im Text beschriebenen Dynamiken an und spiegeln das persönliche Erleben der Jugendlichen, um eine erste Diskussion im Plenum zu entfachen:
- Die Macht der Norm: Wenn das Unbehagen in der Sportdusche uns zeigt, wie stressig der Druck einer optischen Norm in der Peer-Group sein kann – wie muss es sich anfühlen, wenn der eigene Körper bereits von Geburt an durch den medizinischen Blick als „Korrekturfall“ eingestuft wird?
- Die Verschiebung der Scham: Im Text wird angeregt, die Scham „dorthin zurückzubringen, wo versucht wird, biologische Vielfalt kosmetisch wegzuschneiden“. Wer sollte sich in dieser Dynamik eigentlich hinterfragen: Die Jugendlichen, deren Körper von der Norm abweichen, oder die Gesellschaft, die diese Vielfalt als Defizit bewertet?
- Macht und Rollenbilder: Warum fällt es uns als Gesellschaft oft so schwer, körperliche Vielfalt (wie eine große Klitoris oder eine Hypospadie) schamfrei als natürlichen Teil der menschlichen Existenz anzuerkennen? Warum wiegt der Wunsch nach Anpassung an veraltete Rollenbilder in der Praxis oft schwerer als das Recht auf körperliche Souveränität?
Hintergrund-Info für den Unterricht: Was ist eine Hypospadie?
Eine Hypospadie ist eine natürliche, angeborene Variation des Körpers, die bei Jungen vorkommt. Dabei mündet die Harnröhre nicht vorne an der Spitze des Penisses, sondern etwas weiter unten (Eichel-nah, auf der Unterseite des Schafts oder in der Nähe des Hodensacks). In den allermeisten Fällen ist das organisch völlig gesund und beeinträchtigt weder das spätere Erleben von Lust noch die Zeugungsfähigkeit.
Dennoch wird diese Vielfalt in der Medizin oft als „Fehlbildung“ eingestuft. Häufig werden schon im Kleinkindalter Operationen (in Luxemburg etwa (50/Jahr) durchgeführt, um das Aussehen des Penisses an eine gesellschaftliche Norm anzupassen – ohne medizinische Notwendigkeit und ohne, dass das Kind selbst einwilligen konnte.
Übung 2: Struktur-Analyse (Projektarbeit / Gruppenarbeit für Vie&So)
Das Beispiel medizinischer Entscheidungen bei Kindern mit Variationen der Geschlechtsmerkmale kann pädagogisch genutzt werden, um politische Entscheidungsprozesse und die Umsetzung von Grundrechten im Alltag zu untersuchen.
1. Grundrechte in der Praxis
Lesen: Artikel 13 Absatz 1 der luxemburgischen Verfassung („Toute personne a droit à son intégrité physique et mentale.“) mit anschließender Diskussion folgender Fragen:
- Was bedeutet das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit?
- Welche Fragen können entstehen, wenn Eltern, Ärzt_innen und Staat Entscheidungen für Kinder treffen?
- Reicht ein verfassungsmäßig garantiertes Recht allein aus, um dessen Umsetzung in allen Situationen sicherzustellen?
2. Die Rolle parlamentarischer Kontrolle
Auftrag an die Klasse: Analyse der Question parlementaire n°3919 vom 14. April 2026 und der ministerielle Antwort anhand folgender Leitfragen:
- Welche Informationen möchten die Abgeordneten von der Regierung erhalten?
- Warum sind parlamentarische Anfragen ein wichtiges Instrument demokratischer Kontrolle?
- Welche Bedeutung haben Transparenz und öffentliche Debatten für die Weiterentwicklung von Gesetzen und politischen Entscheidungen?
3. Unterschiedliche Perspektiven verstehen
Arbeiten Sie verschiedene Positionen heraus, die in dieser Debatte eine Rolle spielen können:
- die Perspektive der betroffenen Kinder,
- die Perspektive der Eltern,
- die Perspektive medizinischer Fachpersonen,
- die Perspektive von Politik und Gesetzgebung,
- die Perspektive von Menschenrechtsorganisationen.
Welche Interessen, Sorgen und Verantwortlichkeiten stehen jeweils im Vordergrund?
4. Diskussion: Wo sollte die Grenze liegen?
Diskutieren Sie in Gruppen:
Unter welchen Voraussetzungen sollten irreversible medizinische Eingriffe an Kindern erlaubt sein? Welche Rolle sollten dabei medizinische Notwendigkeit, Selbstbestimmung und der Schutz von Grundrechten spielen?
Lassen Sie abschließend durch die Klasse zwei bis drei Empfehlungen formulieren, die aus ihrer Sicht den Schutz von Kindern und das Recht auf spätere Selbstbestimmung angemessen berücksichtigen.
„Unter Jungs“: Die Jugendphase ist die Zeit, in der Identität, der eigene Körper und Männlichkeitsbilder intensiv verhandelt werden. Dabei prallen die Themen Körperlichkeit & Scham oft ganz unvorbereitet aufeinander – sei es im Umgang mit der eigenen Intimität, im Spiegel der Peer-Group oder in den ungeschützten Räumen des Alltags. In dieser Rubrik werfen wir einen Blick auf die oft unsichtbaren, schambesetzten Dynamiken unter Jungs und fragen nach den Mechanismen hinter Verunsicherung, Abgrenzung und dem Erlernen von Empathie.
Intro: Unter Kumpels ist heute vieles leichter geworden: Man nimmt sich in den Arm, zeigt sich emotional und teilt Dinge, die früher als „unmännlich“ galten. Aber es gibt Räume, in denen das unbeschwerte Gefühl plötzlich aufhört. Die Gemeinschaftsdusche oder die Sportumkleide sind solche Orte. Sobald Nacktheit ins Spiel kommt und man beispielsweise weiß, dass ein Mitschüler schwul ist, bricht bei vielen Jungs ein tiefes Unbehagen aus.
Dieses Gefühl hat oft gar nichts mit böser Absicht zu tun, sondern mit einer ganz unbewussten Dynamik: der Angst vor dem „Blick“ des anderen und dem stressigen Druck, in der Gruppe permanent die eigene Männlichkeit beweisen zu müssen. In diesem Moment stößt das gelernte Prinzip von Consent (Einverständnis) an eine Grenze – weil man einem Blick nicht im Nachhinein widersprechen kann.
Interessanterweise steckt in genau diesem unangenehmen Gefühl eine riesige Chance, die eigene Empathie zu schärfen. Denn das, was Jungs in diesem Moment in der Dusche spüren – das Ausgeliefertsein gegenüber Blicken, ohne Kontrolle darüber zu haben –, ist genau das, was Mädchen im Alltag durch unerwünschte Blicke ständig erleben. Die Dusche wird so unfreiwillig zu einem Spiegel für Respekt und die Wirkung des eigenen Verhaltens.
Wie diese Dynamik psychologisch funktioniert, warum sie uns etwas über moderne Männlichkeit verrät und was Jungs hieraus für den Umgang mit Mädchen lernen können, haben wir in dem Hintergrundbeitrag Zwischen emotionaler Nähe und der Angst in der Dusche: Die fragile Männlichkeit der „Generation Consent“ analysiert.
FACHLITERATUR
Fachliches Grundwissen für Fachkräfte an allen Schulformen und paraschulischen Einrichtungen
UNTERRICHT | UMGANG GESCHLECHTERVIELFALT | DISKRIMINIERUNG | WEITERFÜHRENDES
Umsetzung im Unterricht
Geschaffen, erlöst und geliebt – Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule (2025, Die deutschen Bischöfe, Kommission für Erziehung und Schule Nr. 58, 48 S., pdf)
Geschlechtliche Vielfalt in Grundschulen und weiterführenden Schulen in Deutschland. Recherchearbeit von Ursula Rosen, durchgeführt im Zeitraum zwischen Februar und Juni 2022 (Auftraggeber: Intergeschlechtliche Menschen e.V., Bundesverband, gefördert durch das BMFSFJ und das BAFzA, 72 S., pdf)
Schule lehrt/lernt Vielfalt, Band 1 – Praxisorientiertes Basiswissen und Tipps für Homo-, Bi-, Trans- und Inter*freundlichkeit in der Schule (Annika Spahn & Juliette Wedl (Hg.), Edition Waldschlösschen Materialien Heft 18, pdf, geschlechtliche Vielfalt)
Schule lehrt/lernt Vielfalt, Band 2 – Materialien und Unterrichtsbausteine für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule (Edition Waldschlösschen Materialien, Heft 22, Juliette Wedl & Annika Spahn (Hg.), pdf, 308 Seiten, menschliche Vielfalt)
Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt / Diversity in der Sekundarstufe I und II (QUEERFORMAT – Fachstelle Queere Bildung, 10 Seiten)
Interview mit Dr. Voß über das „Biologische Geschlecht“ | FiNessi (49:55, 2023): Wissenschaftliche Sichtweisen auf Geschlecht
In diesem Interview sprechen wir darüber, dass das biologische Geschlecht ein Spektrum ist und warum es wichtig ist, dies zu verstehen. Traditionell wurden körperliche Merkmale in zwei Kategorien aufgeteilt: männlich und weiblich. Aber die Wissenschaft hat gezeigt, dass biologisches Geschlecht tatsächlich auf einem Spektrum liegt, mit vielen Variationen und Abweichungen von der binären Vorstellung von männlich und weiblich. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Variationen von biologischem Geschlecht völlig normal sind und dass es mehr als zwei Arten von biologischem Geschlecht gibt. Indem wir uns mit dieser Tatsache auseinandersetzen, können wir dazu beitragen, eine Welt zu schaffen, in der jeder Mensch akzeptiert und respektiert wird, unabhängig von dem Geschlecht.
Ausgewählte Timestamps:
02:25 Definition von Geschlecht in der Forschung
05:00 Biologisch bist du nur männlich ODER weiblich!
09:00 Geschlecht dient nur der Fortpflanzung!
13:20 Was ist mir Hormonen und Gehirn?
19:00 Ist Geschlecht bei der Geburt festgesetzt?
20:50 Ist „trans“ eine Störung?
23:20 Ist Geschlecht Binär? + Ist es wichtig in der Medizin?
26:50 Ist es nicht logisch, dass es nicht-binäre Menschen gibt?
33:20 Kann man „Biologisches“ vom „Sozialem“ Geschlecht trennen?
Die vielen Geschlechter der Biologie – Vortrag & Diskussion zur Debatte an der Humboldt-Universität (mit Heinz-Jürgen Voss, 1:00:38, 2022)
Die aktuelle Debatte um biologisches Geschlecht an der Humboldt-Universität zu Berlin ist erfreulich. In den Kommentarspalten von Zeitungen wird der Wunsch deutlich, besser über die aktuellen Diskussionen über Geschlechtsentwicklung in der Biologie informiert zu sein. Als Beitrag zur Debatte erläutert der*die Biolog*in und Professor*in für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung Heinz-Jürgen Voß die aktuellen biologischen Geschlechtertheorien. Durch einen Blick auf Entwicklungsprozesse macht Voß deutlich, dass es sich auch bei der biologischen Geschlechtsentwicklung um einen komplexen Prozess handelt, mit dem besser viele Geschlechter erklärbar sind als nur zwei oder drei.
Umgang mit Geschlechtervielfalt
Gender_Diversität Handreichung 2017. Diagnoseinstrumente zur Gender- und Diversitäts-kompetenten
Unterrichtsreflexion (Doris Arztmann, Heidemarie Amon, Petra Korenjak, Christine Oschina, Ilse Wenzl; 15 S., pdf)
Geschlechtliche Vielfalt in Grundschulen und weiterführenden Schulen in Deutschland (Recherchearbeit von Ursula Rosen, durchgeführt Februar-Juni 2022, geschlechtliche Vielfalt)
Intergeschlechtlichkeit als Thema geschlechterreflektierender Pädagogik (Andreas Hechler, pdf, 11 Seiten, inter)
Lebenssituationen und Erfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen in Luxemburg (2019, Christiane Meyers, Diana Reiners & Robin Samuel, INSIDE Research Reports,
Institute for Research on Generations and Family – Youth Research, Universität Luxembourg);
This document appears as supplementary material in connection with the Luxembourg National Education Report 2024 – specifically as an integral version of the following article:
LGBTI-Jugendliche in luxemburgischen Schulen: Diskriminierung, soziale Unterstützung und allgemeines Wohlbefinden Christiane Meyers, Carolina Catunda & Robin Samuel LGBTI Young People in Luxembourgish Schools: Stories and Analysis of Discrimination, Social Support, and General Well-Being (Integral version in English).
Leitsätze für Diversität in der Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalts (Landesjugendhilfeausschuss Sachsen-Anhalt, 18 Seiten, pdf, geschlechtliche Vielfalt)
Liebe Lehrer*innen. Grundrecht Gleichberechtigung. Positionen zur Gender-Debatte (Praxis Politik 1-2019 (, Westermann Verlag
Linksammlung Intergeschlechtlichkeit (Studienzentrum der EKD für Genderfragen, inter)
Pädagogik geschlechtlicher, amouröser und sexueller Vielfalt. Zwischen Sensibilisierung und Empowerment (Katharina Debus & Vivien Laumann, 176 S., pdf)
Référentiel concernant la protecttion des mineurs contre les violences (2017, ECPAT, ORK, Alupse, pdf)
trans*Kinder und ihre Herausforderungen in familiären und institutionellen Bezügen* (Erik Schneider, Karoline Haufe in Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften, Gerhard Schreiber (Hg.), S. 123-155, trans)
Wenn Kinder anders fühlen – Identität im anderen Geschlecht: Ein Ratgeber für Eltern (von Stephanie Brill, Rachel Pepper, EN: The Transgender Child: Revised & Updated Edition: A Handbook for Parents and Professionals Supporting Transgender and Nonbinary Children, ES: Infancias trans: Manual para familias y profesionales que apoyan a las infancias transgénero y no binarias (Spanish Edition), 248 Seiten, trans)
Umgang mit Diskriminierung
Praxisleitfaden zum Abbau von Diskriminierung in der Schule_Diskriminierung an Schulen erkennen und vermeiden (pdf)
Handreichung für Schülerinnen und Schüler „Mobbing in der Schule – Anti-Mobbing-Strategien“ (Prof. Dr. Hartmut Wenzel, Tina Flesch, Karin Schenke, pdf, 90 Seiten)
Wie aus „den Anderen“ ein „Wir“ wird (gofeminin, TV2 Danmark)
Weiterführende Literatur
Antifeminismus: Warum sexistische Ideologien eine Aufgabe für die Extremismusprävention sind (Ariane Wolf und Elisabeth Hell, pdf, 28 Seiten)
Étude qualitative – Le harcèlement scolaire selon les préférences sexuelles, l’identité de genre.s et/ou les caractéristiques sexuées : Que doit savoir le.la médecin généraliste ? (PHAM Dat An, Année académique 2024 – 2025 Master de spécialisation en Médecine Générale, Université Libre de Bruxelles, pdf)
Normierte Kinder. Effekte der Geschlechternormativität auf Kindheit und Adoleszenz (Sachbuch hg. von Erik Schneider, Christel, Baltes-Löhr, 402 Seiten, EN: Normed Children. Effects of Gender and Sex Related Normativity on Childhood and Adolescence, PDF for free download online, English version only, trans, inter)
The problem of prejudice towards transgender and gender nonconforming students in secondary schools in Luxembourg (2021, Lynn Kremer, Department of Psychology, Northumbria University, pdf, 18 Seiten, trans)
Where are these people? An approach to the absence and erasure of transgender people in the higher education (2023, André Antônio Martins Brasil, Thesis, pdf, 212 pages, trans)µ
KAHOOTS für Unterricht & Spaß
Introduction – diversité sexuée/genrée (Petit test sur la diversité des sexes, de l’auto-perception sexuée/genrée et des rôles sexués
Geschlechtervielfalt für EF/Grundschule
trans im Deutschunterricht (Niveau 1e classique)
Wissen zu Geschlechtervielfalt
INTERSEKTIONALITÄT
SEXISMUS INTERSEKTIONAL ERKLÄRT, (Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in Sachsen e.V. (LAG)), Video
All That We Are (2018, Penn State Students, Faculty, and Staff from many campuses got together to share their experiences and explore the ways we are connected beyond our differences. All That We Are, 5min.19)
Erklärvideo: Was ist Intersektionalität? (Diversity goes Digital“ mit freundlicher Unterstützung des Netzwerk ROPE e.V. an der Technischen Universität Darmstadt, 2020)
DIFFERENT (Award Winning Short Film by Tahneek Rahman, 5min.17)
Erklärvideo: Intersektionalität (in der Jungenarbeit, Fachstelle Jungenarbeit NRW )
Mobbing an Schulen: Das Experiment gegen die Ausgrenzung Teil 1 (2017, taff | ProSieben, 9min.03) | Teil 2 (2017, taff | ProSieben, 8min.48)
Wie aus „den Anderen“ ein „Wir“ wird (TV2 Danmark)
RECHT
INTERNATIONAL | DEUTSCHLAND | LUXEMBOURG
INTERNATIONAL
Kinderrechtskonvention, KRK (UNICEF):
Art. 2 der KRK: Diskriminierungsverbot gilt für alle Kinder, d.h. auch für trans Kinder.
Art 3 Abs. 1 KRK: Kindeswohl ist vorrangig zu berücksichtigen.
Art. 12 Abs. 1 KRK: Recht auf freie Meinungsäußerung, d.h. Kinder dürfen selbst entscheiden, ob und mit welchen Inhalten sie sich äußern oder nicht.
Art. 16 Abs. KRK: Schutz des Privatlebens von Kindern schliesst die Verwendung des als passend empfundenen Vornamens mit dem entsprechenden Pronomen ein sowie Auftreten, Wahl von Kleidung und/oder Frisur.
Charta der Grundrechte der Europäischen Union: Achtung der Privatsphäre (Art. 7) und Recht auf Nichtdiskriminierung (Art. 21).
DEUTSCHLAND (Gesetze und Beschlüsse der KMK gilt nur für Deutschland, da aber bundesweit)
Grundgesetz (DE): Hier ist das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2) verankert.
§ 9 Nr. 3 SGB VIII (DE) regelt die Berücksichtigung von unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen, den Abbau von Benachteiligungen und die Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter.
Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG): Inklusiv und differenziert: Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz und seine erweiterte Geschlechterperspektive (Intergeschlechtliche Menschen e.V.)
BVerfG Beschluss vom 6.12.2005 – 1 BvL 3/03 (DE): Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einem Geschlecht kann nicht allein nach den äußeren Geschlechtsmerkmalen im Zeitpunkt seiner Geburt bestimmt werden, sondern sie ist im wesentlichen auch von seiner psychischen Konstitution und der geschlechtlichen Selbstwahrnehmung abhängig.
Zur Situation von trans Kindern in der KiTA: Auch in diesem Umfeld treffen die rechtlichen Grundlagen der Stellung der Rechtsanwältin Maria Sabine Augstein zu (DE): Zur Situation transsexueller Kinder in der Schule vor der offiziellen (gerichtlichen) Vornamensänderung (Rechtsanwältin Maria Sabine Augstein).
LUXEMBOURG
Strafgesetzbuch (Code pénal)
Im Luxemburger Strafgesetzbuch gibt es Artikel, welche die Diskriminierung von trans, inter und abinären Personen verbietet. Diese können strafrechtlich geahndet werden, siehe Kapitel VI, Artikel 454.
Chapitre VI. – Du racisme, du révisionnisme et d’autres discriminations
(L. 19 juillet 1997)
Art. 454.
(L. 3 juin 2016) (L. du 20 juillet 2018) Constitue une discrimination toute distinction opérée entre les personnes physiques à raison de leur origine, de leur couleur de peau, de leur sexe, de leur orientation sexuelle, de leur changement de sexe, de leur identité de genre, de leur situation de famille, de leur âge, de leur état de santé, de leur handicap, de leurs mœurs, de leurs opinions politiques ou philosophiques, de leurs activités syndicales, de leur appartenance ou de leur non-appartenance, vraie ou supposée, à une ethnie, une nation, une race ou une religion déterminée.
(L. du 20 juillet 2018) Constitue également une discrimination toute distinction opérée entre les personnes morales, les groupes ou communautés de personnes, à raison de l’origine, de la couleur de peau, du sexe, de l’orientation sexuelle, du changement de sexe, de leur identité de genre, de la situation de famille, de leur âge, de l’état de santé, du handicap, des mœurs, des opinions politiques ou philosophiques, des activités syndicales, de l’appartenance ou de la non-appartenance, vraie ou supposée, à une ethnie, une nation, une race, ou une religion déterminée, des membres ou de certains membres de ces personnes morales, groupes ou communautés.
Code de l’Éducation Nationale
«Loi du 25 juin 2004 portant organisation des lycées»
(Mém. A – 126 du 16 juillet 2004, p. 1856) modifiée par:
Loi du 29 juin 2005, (Mém. A – 95 du 8 juillet 2005, p. 1702)
Loi du 6 février 2009, (Mém. A – 19 du 16 février 2009, p. 191)
Loi du 15 juillet 2011, (Mém. A – 150 du 22 juillet 2011, p. 2174)
Loi du 30 juillet 2015, (Mém. A – 166 du 28 août 2015, p. 3910)
Loi du 15 décembre 2016, (Mém. A – 263 du 21 décembre 2016, p. 4664; doc. parl. 7019) Loi du 22 juin 2017, (Mém. A – 605 du 29 juin 2017; doc. parl. 6787)
Loi du 29 août 2017, (Mém. A – 789 du 5 septembre 2017; doc. Parl. 7074)
Chapitre 11. – Les règles de conduite
[…]
Art. 42. – Les mesures éducatives
[…]
Les mesures éducatives sont prises suite aux manquements suivants :
1° les actes d’incivilité et d’impertinence commis à l’égard des membres de la communauté scolaire ;
[…]
Art. 43. – La mesure disciplinaire du renvoi
[…]
Le conseil de discipline peut prononcer la sanction du renvoi pour les faits suivants :
1° les voies de fait, l’incitation à la violence, la menace et les actes de violence commis à l’égard d’un membre de la communauté scolaire ;
2° l’insulte grave ;
3° l’enregistrement ou la diffusion de scènes de violence ou d’humiliation concernant les personnes de la communauté scolaire ;
4° […]
5° […]
6° les incitations et agissements discriminatoires, de nature xénophobe ou envers l’appartenance ethnique, le sexe ou l’identité du genre, le handicap, l’âge, l’orientation sexuelle, la religion ;
7° le harcèlement moral ou sexuel ;
[…]
— — — — — FR — — — — —
EDUCATION
INTRODUCTION | PRATIQUE | SOURCES | INTERSECTIONNALITE | DROIT
Dans le chapitre sur l’Education figurent des informations sur les institutions préscolaires, l’école, la formation/les études (nationales et internationales) rassemblées par l’association Intersex & Transgender Luxembourg a.s.b.l. et d’autres informations utiles. Les différents sous-dossiers comportent des informations didactiques ou pédagogiques, du matériel d’enseignement sur la diversité de sexe et de genre et des informations de base.
La subdivision du matériel d’enseignement et didactique s’effectue en fonction du type d’école ou de la classe d’âge. Les informations de base en sont indépendantes, étant donné que les enseignant_es dans les institutions préscolaires et scolaires ont besoin de connaissances de base sur la diversité de sexe et de genre.
Note : Les enseignant_es peuvent en principe être ouvert_es sur leur manque de savoir. Cela ouvre la possibilité aux apprenant_es d’apporter leurs propres connaissances et de se sentir compétent_es. De la sorte, une situation d’apprentissage peut être créée, dans laquelle une interaction sur un pied d’égalité est possible. Cela agit positivement sur la motivation des apprenant_es, puisqu’yels se sentent reconnu_es dans leur compétence et valorisé_es. Une approche possible pourrait consister à trouver ensemble des réponses communes à des questions posées ou ouvertes.
INTRODUCTION La diversité sexuée et genrée dans l’éducation
Jill – un exemple de diversité sexuée et genrée chez l’être humain

Jill, le sexe et le genre © Ursula Rosen (avec son autorisation gracieuse)
Garçon – Fille – ou ? A quelques exceptions près, tous les enfants se voient atribuer à la naissance un sexe binaire, soit féminin, soit masculin. Le plus souvent, on suppose aussi que les enfants acceptent le sexe fixé médicalement et que leur auto-perception correspond à celui-ci. Cependant, certains enfants ont des caractéristiques corporelles ne permettant pas une assignation (claire) à l’un des deux sexes standards féminin / masculin, tandis que d’autres enfants ont un sexe d’assignation qui diverge de l’autoperception sexuée/genrée. Ces enfants, c’est-à-dire les enfants →inter et → trans, qu’ils se ressentent comme étant →binaires ou →abinaires – dérangent nos représentations de la diversité sexuée et genrée de l’être humain et les normes de sexe et de genre qui en résultent et qui constituent souvent inconsciemment la base des stéréotypes de sexe et de genre. Un petit aperçu d’une première classification des notions se trouve ici. (Plus)
Film de base sur la diversité sexuée au niveau corporel sous-titré en différentes langues : Quel est son sexe ? (Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in Sachsen e.V. (LAG), Vidéo, durée : 3:50 min, inter, diversité humain) avec des sous-titres en français.
Besoins des enfants et des jeunes abinaires
Les enfants et les jeunes ont différents besoins pour se développer positivement et pour apprendre. L’école, en tant qu’institution centrale dans leur vie, doit reconnaître ces besoins, les prendre en compte et y répondre. A cet égard, il faut commencer par clarifier s’il existe des besoins particuliers chez les enfants et les jeunes qui se perçoivent comme trans, ou s’il s’agit de besoins présents chez tous les enfants. (Plus)
Une âme de fille (Anne Scheschonk, film documentaire en allemand, 29min.57, publication de la VO allemand avec sous-titres français en préparation)
PRATIQUE
PRENOM-PRONOMS | LANGUE | LIEUX | VOYAGES EN GROUPE | DOCUMENTS | MORINOM-MEGENRAGE
La question de la relation avec les enfants et les jeunes trans se pose encore et toujours dans différents contextes (plus).
Par conséquent, ce paragraphe aborde les possibilités pratiques de tenir compte des besoins des jeunes personnes de genre variant. Pour la plupart de celles-ci, le prénom, les pronoms et l’accès aux espaces genrés ainsi que la participation à des voyages en groupe jouent un rôle central.
Prénom et pronoms : Après un →coming-out ou lors de l’inscription à une nouvelle école (par ex. →stealth), lorsqu’une jeune personne ressent le besoin d’être appelée par un autre nom / et avec d’autres pronoms que ceux indiqués dans l’acte de naissance, cela devrait être mis en œuvre à l’école. Il n’existe pas de loi obligeant les écoles à appeler les enfants et les jeunes par les noms figurant dans l’acte de naissance (comp. avec les surnoms, les abréviations, ou similaires) et d’utiliser uniquement ceux-ci dans les documents scolaires. Cela vaut pour toutes les jeunes personnes, c’est-à-dire aussi les jeunes →cis, qui pour une raison donnée ne souhaitent pas employer les prénoms de l’ace de naissance, ainsi que pour les adultes. En outre, il est important de ne pas pousser une jeune personne à effectuer un coming-out ou de ne pas l’empêcher de le faire. Au contraire, ce qui es décisif est de rendre la personne apte à bien évaluer les avantages et les inconvénients de sa décision au préalable, puisque c’est elle qui sera « concernée » en premier lieu par les conséquences. Il existe des arguments pour ou contre un coming-out, tout comme il y en a pour ou contre la confidentialité.
Extrait du document hématique Human Rights and Gender Identity and Expression de la Commissaire aux droits de l’homme du Conseil de l’Europe (2024, pdf, p. 65/66, traduction non officielle) :
« Les écoles peuvent soutenir les enfants trans en adoptant des politiques respectant la transition sociale, par exemple en reconnaissant leur nom et leurs pronoms, en classe et dans les listes de classe, ou lorsque l’enfant participe à des activités sportives genrées, ou encore concernant l’accès aux toilettes non mixtes, conformément à l’approche soulignée dans ce document thématique (voir les passages sur les sanitaires et les sports) et à l’intérêt supérieur de l’enfant. Ces accommodations ne requièrent pas beaucoup d’effort mais peuvent changer des vies, et dans certains cas sauver des vies, pour beaucoup d’enfants trans. En Italie, certaines universités et écoles secondaires ont introduit des procédures pour reconnaître le nom et le genre d’un_e étudiant_e avant le changement d’état civil 147. Même dans les pays qui permettre la modification du sexe d’état civil des personnes mineures, la Commissaire souligne que le changement d’état civil ne devrait pas être une condition pour que les écoles respectent l’identité de genre d’un enfant, étant donné que l’enfant devrait se sentir libre d’explorer son identité en dehors de procédures formalisées. » Cela inclut l’utilisation du prénom ressenti comme étant approprié dans la documentation écrite et dans les relevés de notes.
« Lorsque la modification de l’état civil est possible et a été demandée, les autorités doivent s’assurer que les certificats et diplômes scolaires obtenus avant cette modification soient dûment modifiés pour refléter le nom et le marqueur de genre corrects de la personne concernée. Ne pas le faire peut constituer un obstacle significatif dans l’accès à la formation ou à l’emploi ultérieurs.»
Langue inclusive : cette approche tente de mettre en évidence la domination linguistique de l’homme/du masculin et a pour objectif de rendre visible dans la langue toutes les personnes non masculines et de les intégrer d’une façon égalitaire. A ce sujet, il existe différentes évolutions dans diverses langues.(Plus) Orientations pour un langage inclusif en français (NATIONS UNIES, Le langage inclusif).
Espaces non mixtes (lieux) : là encore, il existe des marges de manœuvre pouvant être utilisées par les institutions. En concertation avec les personnes concernées, il faut clarifier où l’enfant souhaite se changer. Cela peut être dans le vestiaire commun du sexe ressenti, dans un vestiaire individuel, dans un lieu alternatif… En cas de difficulté dans le groupe d’apprentissage/de vie, il y a lieu de clarifier qui ressent la règle adoptée comme étant concrètement problématique et de quelle façon. Pour cette personne, un vestiaire alternatif devrait être trouvé. Etant donné que le problème ne se situe pas, le plus souvent, chez les jeunes personnes trans, celles-ci ne doivent pas être stigmatisées et devenir celles qui doivent accepter une solution spéciale.
Voyages en groupe : même s’il n’y a pas de règlementation à ce sujet, les jeunes personnes sont le plus souvent séparés selon les sexes dans des chambres à plusieurs lits, lors des voyages en groupe. Pour les voyages scolaires, les règles concernant les jeunes personnes →trans →binaires ou →abinaires, ou encore →inter se fixent au mieux lors d’une discussion avec l’enfant lui-même et ses parents. Si les règles trouvées devaient poser problème auprès d’autres enfants/jeunes, il convient de trouver des règles alternatives pour ceux-ci, car c’est eux qui ont un problème, et non les jeunes personnes de genre variant. (Plus)
Documents officiels (carte d’élève, de bus, dossiers scolaires, etc.) : le cahier de classe, les listes de classes et les documents similaire ne sont pas des documents officiels et ne sont pas destinés à être utilisés à l’extérieur de l’école. Au contraire, c’est l’école qui inscrit le nom. A l’intérieur de l’école, la personne portant ce nom est connue. Une tromperie, une falsification de document ou une fausse déclaration administrative sont donc exclues. Inscrire le prénom modifié dans les documents scolaires est donc possible. En agissant de la sorte, les écoles contribuent de façon décisive au soutien des élèves trans et jouent un grand rôle dans le « test de vie réelle » de ces enfants, lorsqu’il s’agit d’examiner si cette étape est appropriée pour qu’une personne continue à vivre sa vie conformément à son →auto-perception sexuée/genrée. (Plus)
Morinom et mégenrage : l’emploi du prénom ressenti comme incorrect (→morinom) et d’un pronom considéré comme inapproprié (→mégenrage) implique un haut potentiel de stress psychique, peut influencer négativement la santé mentale et entraîner une baisse des performances scolaires, une augmentation de l’absentéisme pouvant aller jusqu’au décrochage scolaire. Il n’est pas rare que l’utilisation du morinom et du genre incorrect fasse partie de techniques de →mobbing/→bullying et peut entraîner des désavantages par rapport aux autres. Par conséquent, cette utilisation et toute autre forme de comportement dévalorisant doivent être interdits.
INTERSECTIONNALITE
C’est quoi l’intersectionnalité ? – Capsule #14 (2020, Politikon, 9min.58) : Dans cet épisode de Capsule, revenons calmement et concrètement sur l’intersectionnalité, sur ce qu’elle est vraiment, que ce soit au niveau scientifique ou au niveau politique.
Épisode 1. L’intersectionnalité dans les mouvements féministes contemporains (2021, coproduction entre Mousqueterre (spécialistes en vidéo) et l’UNIL, 3min.55) : Eléonore Lépinard, professeure associée à l’Institut des sciences sociales (Faculté des sciences sociales et politiques), présente ses recherches.
L’intersectionnalité : Késako ? (2021, Blogs Academie) : Vivement critiqué par l’historien Gérard Noiriel qui le compare à un bulldozer, adulé par des mouvements politiques dans une perspective de convergence des luttes, le concept d’intersectionnalité est au cœur de nombreux débats. Retour sur un terme qui n’a pas fini de faire parler de lui.
