Zwischen Melancholie und Verwirklichung

Wie KI Kultur nicht abschafft, sondern erweitern kann

Eine persönliche Erwiderung auf Richard David Prechts Kulturkritik – aus der Perspektive gelebter Praxis, gesellschaftlicher Verantwortung und kultureller Vermittlung (22.10.2026, Philipp Hedemann, Wort)

Wenn die Sorge um die Kultur auf die Wirklichkeit trifft

In regelmäßigen Abständen wird im öffentlichen Diskurs das Ende der Kultur ausgerufen. Gegenwärtig richtet sich diese Sorge besonders auf die Künstliche Intelligenz. Sie schreibt Texte, erzeugt Bilder, komponiert Musik und übernimmt Aufgaben, die lange als Ausdruck genuin menschlicher Kreativität galten. Damit stellen sich grundlegende Fragen: Was bedeutet schöpferisches Handeln, wenn Maschinen Werke hervorbringen, die menschlichen Schöpfungen ähneln? Und welchen Stellenwert hat das eigene Gestalten, wenn technische Systeme scheinbar mühelos Ergebnisse liefern, für die Menschen Zeit, Erfahrung und Übung benötigen?

In seinem Buch Auserzählt? Wie Künstliche Intelligenz die Kultur abschafft formuliert der Philosoph Richard David Precht eine grundsätzliche Sorge. Ihn beschäftigt weniger die Frage, ob KI die Menschheit vernichten könnte, als vielmehr die Möglichkeit, dass sie dasjenige zurückdrängt, was dem menschlichen Leben seinen kulturellen Wert verleiht: die lustvolle, zweckfreie Beschäftigung mit der Welt, die Freude daran, eigene Welten zu erschaffen und sich Tätigkeiten zu widmen, deren Sinn nicht in einem äußeren Nutzen aufgeht.

Diese Sorge verdient es, ernst genommen zu werden. Kultur besteht nicht allein aus fertigen Werken. Sie umfasst auch das Suchen, Ausprobieren, Scheitern und Neuerschaffen. Wer schreibt, malt, musiziert oder Theater spielt, tut dies nicht ausschließlich, um ein Ergebnis zu produzieren. Die Tätigkeit selbst kann Erkenntnis, Freude, Selbstempowering und Gemeinschaft ermöglichen.

Was geschieht also mit uns, wenn wir nicht mehr selbst gestalten müssen, weil uns eine technische Instanz die Gestaltung abnimmt?

Ich möchte Prechts Überlegungen nicht widerlegen, sondern um eine Perspektive erweitern, die aus meiner eigenen Arbeit und Erfahrung hervorgeht. Als Theoretiker zu Geschlechtervielfalt, als Autor des Textes Ich, die Klitoris und als Akteur bei dessen erster öffentlicher Lesung am 26. Oktober 2026 im Rainbow-Center anlässlich des Intersex Awareness Day erlebe ich Kultur nicht allein als schöpferischen Akt, sondern ebenso als Vermittlung, Aneignung und Begegnung.

Meine Frage lautet deshalb: Was geschieht mit einem Werk, nachdem es entstanden ist? Was wird möglich, wenn Menschen einen Text interpretieren, in andere Sprachen übertragen, auf einer Bühne verkörpern oder zum Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung machen?

Vielleicht zeigt sich Kultur gerade dort in ihrer Lebendigkeit, wo ihre Entstehung nicht ihr Ende bedeutet.

Die berechtigte Melancholie des schöpferischen Menschen

Prechts Überlegungen berühren einen empfindlichen Punkt. Wenn Maschinen überzeugende Texte, Bilder und Musik hervorbringen können, lässt sich die Frage nach dem Wert menschlicher Kreativität nicht einfach mit dem Hinweis auf neue technische Möglichkeiten beiseiteschieben.

Das Problem liegt nicht allein darin, dass Maschinen bestimmte Ergebnisse erzeugen. Es liegt auch darin, dass sich unser Verhältnis zum eigenen Tun verändern könnte. Wenn etwas schnell, bequem und scheinbar mühelos verfügbar wird, kann die Bereitschaft sinken, sich selbst auf den oft mühsamen Weg der Gestaltung zu begeben. Wo eine Idee früher Zeit benötigte, um Gestalt anzunehmen, steht nun vielleicht schon ein fertiger Vorschlag.

Doch eine Abkürzung bedeutet nicht zwangsläufig einen Verlust. Sie kann neue Wege eröffnen, Hindernisse überwinden helfen und Möglichkeiten erschließen, die zuvor schwer zugänglich waren. Zugleich kann sie Erfahrungen verkürzen, wenn sie die eigene Auseinandersetzung ersetzt. Entscheidend ist, wie Menschen das Werkzeug einsetzen und welche Bedeutung sie dem Gestaltungsprozess beimessen.

Kreativität war ohnehin nie vollständig unabhängig von Werkzeugen, Vorbildern, Überlieferungen und gesellschaftlichen Bedingungen. Menschen greifen Sprache auf, die andere geprägt haben, verändern vorhandene Formen und entwickeln neue Ausdrucksmöglichkeiten mithilfe der Techniken ihrer Zeit. Daraus folgt nicht, dass jede technologische Neuerung einen kulturellen Fortschritt darstellt. Technische Entwicklung und kulturelle Entwicklung sind nicht dasselbe.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob ein Werkzeug zum Ersatz für jede eigene Auseinandersetzung wird oder ob es Menschen dabei unterstützt, Gedanken weiterzuentwickeln, neue Ausdrucksformen zu finden und kulturelle Vorhaben zu verwirklichen. Beides ist möglich. Deshalb greift eine pauschale Antwort auf die Frage, ob KI Kultur abschafft, zu kurz.

Ein Werk ist nicht das Ende des kulturellen Prozesses

Kultur besteht nicht allein in der Herstellung eines Werkes. Ein Buch wird beim Lesen, Interpretieren und Diskutieren zum Gegenstand kultureller Erfahrung. Ein Theatertext verändert seine Bedeutung, wenn er gesprochen, inszeniert und von einem Publikum aufgenommen wird. Ein musikalisches Werk lebt nicht nur als Partitur oder Tonaufnahme, sondern ebenso in der Aufführung und im gemeinsamen Erleben.

Diese Unterscheidung ist für die KI-Debatte zentral. Die Frage, wie ein Text entstanden ist, beantwortet noch nicht, welche gesellschaftliche Bedeutung er entfalten kann. Ein Werk kann technologisch unterstützt hervorgebracht werden und dennoch zum Ausgangspunkt menschlicher Auseinandersetzung werden.

Meine eigene Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Theorie und Praxis. Als Theoretiker zu Geschlechtervielfalt beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Vorstellungen, Normen und den Bedingungen, unter denen Menschen und ihre Erfahrungen sichtbar oder unsichtbar werden. Als Autor versuche ich, Gedanken in eine sprachliche Form zu bringen, die andere Menschen erreicht und zum Nachdenken einlädt.

Mit Ich, die Klitoris verbinde ich einen solchen Anspruch. Der Text bewegt sich in einem gesellschaftlichen Feld, in dem Körper, Geschlecht, Identität, Wissen und Tabuisierung miteinander verwoben sind. Es geht nicht allein um Sprache oder Ästhetik, sondern auch darum, welche Körper und Erfahrungen öffentlich repräsentiert werden, welche Themen weiterhin tabuisiert sind und wer die Möglichkeit erhält, über sie zu sprechen.

Ein solcher Text existiert nicht unabhängig von seinem gesellschaftlichen Zusammenhang. Seine Bedeutung ergibt sich nicht allein aus seiner sprachlichen Form, sondern ebenso aus den Fragen, die er aufwirft, und den Gesprächen, die er ermöglicht.

Hier liegt für mich eine wichtige Ergänzung zu Prechts Perspektive: Die kulturelle Bedeutung eines Werkes geht über den Moment seiner Herstellung hinaus. Sie entsteht auch durch das, was Menschen mit ihm tun.

Vom Text zur Begegnung: Der 26. Oktober im Rainbow-Center

Am 26. Oktober 2026 findet im Rainbow-Center die erste öffentliche Lesung von Ich, die Klitoris im Rahmen einer Veranstaltung zum Intersex Awareness Day statt. An die Lesung schließt sich eine Diskussion mit dem Publikum an. Ich bin dort als Autor und Ko-Akteur beteiligt und bringe das Thema in einen konkreten gesellschaftlichen Zusammenhang ein.

Der Text verlässt damit den Raum seiner Entstehung. Er wird vorgelesen, gehört und gemeinsam erlebt. Menschen begegnen ihm mit unterschiedlichen Erfahrungen, Vorannahmen und Fragen. Was auf der Seite zunächst eine sprachliche Form ist, wird Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung.

Die Lesung ist deshalb mehr als die Präsentation eines fertigen Werkes. Sie schafft einen Anlass, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen noch immer von Unwissen, Unsicherheit und Tabus begleitet wird. Ein Text kann irritieren, neue Perspektiven eröffnen, Empathie anregen oder Widerspruch hervorrufen. Er kann dazu beitragen, dass Menschen über Erfahrungen nachdenken, die ihnen bislang fremd waren.

Gerade bei Themen wie Geschlechtervielfalt und körperlicher Selbstbestimmung geht es dabei auch um Sichtbarkeit und Selbstermächtigung: darum, Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu bringen, gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und Räume für Stimmen zu öffnen, die bislang zu wenig Gehör finden.

Nichts davon geschieht allein deshalb, weil ein Text geschrieben wurde. Es braucht Menschen, die ihn vortragen, ihm zuhören, seine Aussagen einordnen und sich auf eine Auseinandersetzung einlassen.

Die Veranstaltung ist für mich daher ein konkretes Beispiel dafür, wie ein Werk über seine Entstehung hinauswirken kann. Sie beweist nicht, dass alle Gefahren der KI unbegründet wären. Sie zeigt aber, dass ein technologisch unterstützter Entstehungsprozess in eine menschliche und gesellschaftlich relevante Praxis münden kann.

Wenn ein Text in zwei Sprachen auf die Bühne kommt

Am 27. Oktober wird Ich, die Klitoris außerdem in einer Schulklasse auf Deutsch und Französisch aufgeführt. Diese Veranstaltung findet in einem geschlossenen und geschützten Rahmen statt und ist von der öffentlichen Lesung im Rainbow-Center zu unterscheiden. Dennoch zeigt auch sie, wie sich der kulturelle Prozess eines Textes weiterentwickeln kann.

Die zweisprachige Aufführung ist mehr als eine Wiederholung desselben Inhalts. Jede Sprache bringt eigene Ausdrucksmöglichkeiten, Konnotationen und Rhythmen mit sich. Beim Übertragen und Einüben eines Textes müssen Bedeutungen erschlossen und Entscheidungen darüber getroffen werden, wie sich Gedanken in einer anderen Sprache vermitteln lassen.

Hinzu kommt die körperliche Dimension des Theaters. Ein Text wird gesprochen, durch Stimme und Gestik gestaltet und in einen Raum hineingetragen. Die Beteiligten müssen aufeinander hören, Einsätze koordinieren, nach dem passenden Ausdruck suchen und gemeinsam eine Aufführung entwickeln.

Gerade bei einem gesellschaftlich sensiblen Thema kann diese Arbeit Fragen aufwerfen, die über den Wortlaut hinausgehen: Welche Begriffe verwenden wir für Körper? Welche Vorstellungen verbinden wir mit Geschlecht? Welche Themen sprechen wir offen an, und welche vermeiden wir?

Ob daraus eine tiefgreifende Veränderung entsteht, lässt sich nicht vorwegnehmen. Doch das gemeinsame Proben, Interpretieren und Aufführen schafft einen Raum für kulturelle Auseinandersetzung, der sich nicht auf die technische Entstehung des Textes reduzieren lässt.

Ein digital unterstützter Text kann zum Ausgangspunkt einer analogen Erfahrung werden. Das Digitale und das Analoge müssen keine Gegensätze sein. Sie können unterschiedliche Phasen eines zusammenhängenden kulturellen Prozesses bilden.

Die KI als Werkzeug – und die Verantwortung des Menschen

Wenn ich von einer Erweiterung kultureller Möglichkeiten durch KI spreche, meine ich nicht, dass die Technologie grundsätzlich harmlos wäre oder jeder Einsatz einen Gewinn darstellt.

KI kann helfen, Gedanken zu ordnen, alternative Formulierungen zu entwickeln, Argumente zu prüfen und sprachliche Hürden zu überwinden. Sie kann als gedanklicher Sparringspartner dienen, indem sie Vorschläge macht, Einwände formuliert oder neue Perspektiven eröffnet. Gerade für Menschen, die ein Anliegen haben, es aber nur schwer in eine bestimmte sprachliche oder formale Gestalt bringen können, kann solche Unterstützung hilfreich sein.

Doch die Erleichterung einzelner Arbeitsschritte bedeutet nicht, dass der gesamte kulturelle Prozess übernommen wird.

KI-gestützte Texte können Fehler enthalten, stereotype Vorstellungen reproduzieren oder überzeugend klingen, obwohl ihre Aussagen unzureichend begründet sind. Fragen der Urheberschaft, der Transparenz und der Anerkennung menschlicher Arbeit bleiben ebenfalls wichtig. Wer trägt die Verantwortung für einen Text? Welche Beiträge stammen von wem? Und wie verhindern wir, dass technische Effizienz dazu führt, kulturelle Arbeit unsichtbar zu machen oder ihren Wert zu unterschätzen?

Der menschliche Anteil besteht deshalb nicht nur darin, einen ersten Impuls zu geben. Er umfasst die Auswahl und Prüfung von Inhalten, die Entwicklung einer Haltung, die Entscheidung über eine Veröffentlichung und die Verantwortung für die gesellschaftlichen Folgen.

KI erweitert kulturelle Spielräume nicht automatisch. Ob sie tatsächlich zur Bereicherung beiträgt, hängt davon ab, wie Menschen sie einsetzen, welche Ziele sie verfolgen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten.

Auch die Frage der Teilhabe gehört dazu. Technologische Werkzeuge können den Zugang zu sprachlichen und gestalterischen Möglichkeiten erleichtern. Sie können Menschen dabei unterstützen, eigene Themen zu formulieren, Texte zu übersetzen oder Ideen öffentlich vermittelbar zu machen. Zugleich sind sie nicht für alle gleichermaßen zugänglich und können gesellschaftliche Vorurteile reproduzieren. KI schafft also nicht automatisch mehr Gleichheit. Sie kann aber unter geeigneten Bedingungen dazu beitragen, kulturelle Beteiligung zu ermöglichen.

Gerade bei Themen, die gesellschaftlich marginalisiert oder tabuisiert werden, ist diese Möglichkeit relevant. Entscheidend ist nicht, dass Technologie Öffentlichkeit von selbst demokratisiert, sondern dass Menschen sie nutzen können, um ihre Perspektiven in kulturelle und gesellschaftliche Prozesse einzubringen.

Was bleibt, wenn die Maschine immer mehr kann?

Prechts Sorge gewinnt an Schärfe, wenn KI künftig immer überzeugendere Texte, Bilder und Musik hervorbringt. Wenn sich die Qualität eines Ergebnisses immer schwerer von einem menschlich geschaffenen Werk unterscheiden lässt, stellt sich die Frage nach dem Wert des eigenen schöpferischen Tuns umso dringlicher.

Es wäre zu einfach, darauf mit dem Hinweis zu antworten, dass Menschen Gefühle haben oder Maschinen grundsätzlich keine Kultur hervorbringen könnten. Wichtiger ist die Unterscheidung zwischen dem Wert eines fertigen Werkes und dem Wert der Tätigkeit, aus der es hervorgeht.

Ein Werk kann ästhetisch überzeugen, Wissen vermitteln oder unterhalten. Der Prozess seiner Entstehung kann darüber hinaus einen persönlichen Wert besitzen. Beim Schreiben kann ein Mensch etwas über sich selbst erfahren, beim Musizieren Gemeinschaft erleben oder beim Theaterspielen neue Ausdrucksmöglichkeiten entdecken.

Technische Unterstützung muss diesen Wert nicht zwangsläufig zerstören. Sie kann ihn verändern. Manche Menschen werden sich stärker auf Konzeption und Überarbeitung konzentrieren, andere bewusst ohne KI arbeiten, weil gerade die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material für sie wesentlich ist.

Die Gefahr liegt möglicherweise weniger darin, dass neue Werkzeuge existieren, als darin, dass wir kulturellen Wert ausschließlich an Geschwindigkeit, Verfügbarkeit und dem fertigen Ergebnis messen. Wenn das Gestalten, Lernen und Üben nur noch als vermeidbarer Aufwand erscheint, könnte tatsächlich etwas verloren gehen.

Prechts Melancholie verweist auf diesen möglichen Verlust. Sie erinnert uns daran, dass die eigene schöpferische Tätigkeit nicht allein deshalb wertvoll ist, weil sie ein bestimmtes Ergebnis hervorbringt. Sie ist auch eine Weise, die Welt zu erfahren und sich zu ihr ins Verhältnis zu setzen.

Doch aus dieser berechtigten Sorge folgt nicht, dass technologisch unterstützte Kultur zwangsläufig weniger menschlich sein muss. Zwischen der Verdrängung schöpferischer Tätigkeit und der Erweiterung ihrer Möglichkeiten liegt ein Handlungsspielraum, den wir gestalten können.

Zwischen Melancholie und Verwirklichung

Meine Arbeit an Ich, die Klitoris, die öffentliche Lesung am 26. Oktober im Rainbow-Center und die zweisprachige Aufführung in einer Schulklasse am 27. Oktober stehen für mich in diesem Handlungsspielraum. Sie sind keine abschließende Antwort auf die Zukunft der Kultur. Sie veranschaulichen vielmehr, dass ein Werk nicht auf den Moment seiner Herstellung beschränkt bleiben muss.

Als Theoretiker zu Geschlechtervielfalt, als Autor und als Akteur einer öffentlichen Veranstaltung erlebe ich unterschiedliche Formen kultureller Beteiligung: das Denken, das Schreiben, das Vermitteln, das Interpretieren und das gemeinsame Auseinandersetzen. Diese Tätigkeiten lassen sich nicht auf die Frage reduzieren, wer oder was einen Text hervorgebracht hat.

Ich möchte Richard David Precht deshalb nicht widersprechen, indem ich seine Sorge für unbegründet erkläre. Seine Frage nach dem Wert des eigenen schöpferischen Tuns bleibt wichtig. Meine gelebte Realität fügt ihr eine weitere Perspektive hinzu: die Erfahrung, dass ein Werk durch menschliche Aneignung, Vermittlung und Begegnung eine Bedeutung entfalten kann, die über seine Entstehung hinausgeht.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger vorschnell darüber urteilen, ob KI die Kultur abschafft. Wichtiger ist die Frage, unter welchen Bedingungen sie kulturelle Prozesse verändert, welche Verluste wir ernst nehmen müssen und welche Möglichkeiten wir verantwortungsvoll nutzen können.

Künstliche Intelligenz erweitert Kultur nicht von selbst. Aber sie muss Kultur auch nicht abschaffen. Sie kann Menschen neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen und kulturelle Vermittlung erleichtern – vorausgesetzt, wir bewahren den Wert des eigenen Gestaltens und übernehmen Verantwortung für das, was wir mit diesen Werkzeugen hervorbringen.

Denn Kultur lebt nicht allein davon, dass Menschen Werke schaffen. Sie lebt auch davon, dass andere Menschen diese Werke aufnehmen, hinterfragen, interpretieren und in die gemeinsame Welt tragen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, was KI erzeugen kann. Sie ist auch, was wir Menschen mit dem, was entsteht, anfangen wollen.

Dort, wo ein Text gesprochen, interpretiert und geteilt wird, endet Kultur nicht mit seiner Herstellung. Dort kann sie neu beginnen.