Die leise Frage nach einem bunten Wochenende

Da war sie wieder. Nach dem bunten Trubel, zwischen Regenbogenfahnen und lauten Bässen am vergangenen Wochenende in Luxemburg, diese leise Stimme mit einer ebenso leisen wie durchdringenden Frage: „Wird das hier wirklich gebraucht?“

Es war eine Mutter, die sie mir stellte. In ihrer Stimme lagen Zweifel – und eine greifbare Angst: Verschlimmert das alles die Situation von trans Personen – auch ihres Kindes – nicht noch?

Verschlimmert wodurch? Durch die Aufmerksamkeit der falschen Menschen? Durch das grelle Scheinwerferlicht auf eine ohnehin vulnerable Gruppe in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Gegenwind spürbar rauer wird?

Ich konnte ihr keine eindeutige Antwort geben.

Meine Gedanken wanderten zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, für die genau solche lauten Tage wichtig sind. Die Gleichgesinnte suchen, um endlich das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein. Um für einen Moment von einem Wir-Gefühl getragen zu werden.

Ich dachte aber auch an jene, die den Weg an unseren kleinen, unscheinbaren Infostand fanden: Eltern, die Angst um ihre Kinder in einem oft transfeindlichen Umfeld haben. Menschen, die sich ehrlich informieren möchten. Menschen, die nach sachlichen Antworten suchen – jenseits von Schlagzeilen und perfekt inszenierten Kampagnen.

Doch die Realität hat eine Kehrseite.

Was ist mit denen, die bereits Ausgrenzung, Diskriminierung oder Traumatisierung erlebt haben?

Für sie sind solche Großveranstaltungen im besten Fall bedeutungslos. Im schlimmsten Fall lösen sie Angst aus. Und für viele folgt auf das Wochenende eine schmerzhafte Landung in der Realität.

Wenn das Getöse verklungen, die bunten Flaggen eingerollt und die Reden vergessen sind, kehrt der Alltag zurück. Dann sitzen sie wieder am Kaffeetisch im Büro und müssen sich die abfälligen Kommentare von Kolleg_innen über die „durchgeknallten Leute“ von der Pride anhören. Bemerkungen, die verletzen, entwerten und deutlich machen, dass sich außerhalb des Veranstaltungsgeländes oft wenig verändert hat.

Und genau hier liegt der Kern ihrer Frage. Sie meinte nicht, ob es die Pride an sich braucht – dass diese Sichtbarkeit und die feiernde Gemeinschaft für viele überlebenswichtig sind, steht außer Frage. Sie blickte auf das, was nach dem Marsch bleibt.

Sie erzählte mir, wie beeindruckt sie von der Energie des Marsches war, bei dem sie selbst mitlief. Aber auch, wie befremdlich es wirkte, Politiker_innen in der allerersten Reihe zu sehen. Mit Regenbogenfahnen posierend, lächelnd für das nächste Selfie. Ein schönes Bild für die Galerie.

Doch was passiert ab Montag im Parlament?

Werden sich dieselben Politiker_innen dann noch genauso lautstark für die Rechte der Betroffenen einsetzen? Werden sie den drängenden Forderungen Gehör schenken – wie etwa der längst überfälligen, vollständigen Depathologisierung von trans Personen, frei von Psychiatrisierung da, wo die Psychiatrie nicht benötigt wird? Oder war der Marsch am Ende doch nur eine gut inszenierte Show, eine Bühne für die eigene Profilierung, während die realen Sorgen der Betroffenen im politischen Alltag wieder ganz hinten anstehen?

All das schwang in der Frage dieser Mutter mit. Es war nicht die Frage nach einer Veranstaltung. Es war die Sorge um ihr Kind. Um dessen Sicherheit. Um dessen Zukunft im echten, grauen Alltag.

Und so bleibt ihre Frage bei mir. Nicht, ob wir die Pride brauchen. Sondern, was danach kommt.

Welche Antworten hat unsere Gesellschaft – und vor allem unsere Politik – für diese Familien, insbesondere die Kinder, wenn die Scheinwerfer der Pride längst erloschen sind?