Warum die neue ACE-Metaanalyse die Lebensrealitäten trans und abinärer Menschen unterschätzt
Die Anfang 2026 im Fachjournal Trauma, Violence, & Abuse erschienene Metaanalyse von Deneault et al. liefert eindrückliche Zahlen zu traumatischen Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs, pdf) bei LGBTQ+-Personen. Die Ergebnisse sind auf den ersten Blick alarmierend, für Menschen, die auf dem Terrain der Beratung, Begleitung und Interessenvertretung tätig sind, jedoch wenig überraschend: Fast 40 Prozent aller LGBTQ+-Personen berichten von einer extrem hohen kumulativen Belastung durch vier oder mehr ACEs. In der cis heterosexuellen Mehrheitsbevölkerung liegt dieser Anteil deutlich niedriger. Die Studie bestätigt damit, dass queere Kinder und Jugendliche in ihren Herkunftsfamilien erheblich häufiger psychische, physische und sexuelle Gewalt erleben.
Gleichzeitig enthält die Metaanalyse einen Befund, der aufhorchen lässt. Den statistischen Modellen zufolge ist die Belastung von trans und abinären Menschen lediglich geringfügig höher als jene von homosexuellen Personen. Wer jedoch die Lebensrealitäten trans und abinärer Menschen aus der Praxis kennt, wird diese Schlussfolgerung kaum nachvollziehen können. Die Erfahrungen aus Beratung, Community-Arbeit und psychosozialer Begleitung zeichnen ein anderes Bild. Es stellt sich daher die Frage, warum die statistischen Ergebnisse und die alltägliche Realität so weit auseinanderzuliegen scheinen.
Die Antwort findet sich weniger in den Daten selbst als in den Instrumenten, mit denen sie erhoben werden. Der klassische ACE-Score wurde in den 1990er Jahren entwickelt und orientiert sich an einem vergleichsweise engen Verständnis von Kindheitsbelastungen. Er erfasst vor allem innerfamiliäre Erfahrungen vor dem 18. Lebensjahr, etwa körperliche oder emotionale Gewalt durch Sorgeberechtigte, Vernachlässigung, Suchtprobleme im Haushalt, psychische Erkrankungen von Familienmitgliedern oder die Trennung der Eltern. Dieses Instrument war für seine Zeit wegweisend, bildet jedoch nur einen Ausschnitt möglicher Belastungserfahrungen ab.
Gerade die spezifischen Traumata, denen trans und abinäre Jugendliche ausgesetzt sind, bleiben in diesem Raster häufig unsichtbar. Zwar erfasst der ACE-Score psychischen Missbrauch, nicht jedoch die tiefgreifende Erfahrung, wenn die eigene Identität dauerhaft geleugnet oder entwertet wird. Wiederholtes Misgendering, Deadnaming oder die systematische Verweigerung der Anerkennung der eigenen Geschlechtsidentität können erhebliche psychische Belastungen verursachen, erscheinen in den klassischen Kategorien jedoch bestenfalls indirekt.
Hinzu kommt, dass zahlreiche Erfahrungen außerhalb der Familie stattfinden und deshalb vom ACE-Modell gar nicht erfasst werden. Schweres Mobbing in der Schule, soziale Ausgrenzung durch Gleichaltrige, Diskriminierung im Bildungswesen oder transfeindliche Gewalt im öffentlichen Raum können für die psychische Entwicklung junger Menschen ebenso prägend sein wie familiäre Belastungen. Im klassischen ACE-Score werden solche Erfahrungen jedoch nicht berücksichtigt. Für die Statistik bleiben sie unsichtbar, obwohl sie für die Betroffenen oft zu den einschneidendsten Erlebnissen ihrer Jugend gehören.
Ein weiterer blinder Fleck betrifft institutionelle Erfahrungen. Viele trans und abinäre Menschen berichten von langwierigen Auseinandersetzungen mit medizinischen, rechtlichen oder administrativen Strukturen. Die Verweigerung geschlechtsangleichender Versorgung, pathologisierende Begutachtungsverfahren oder bürokratische Hürden können erhebliche Belastungen verursachen. Auch diese Formen institutioneller Gewalt oder struktureller Diskriminierung finden im klassischen ACE-Instrument keinen Platz.
Zusätzlich entsteht ein zeitliches Problem, das für trans und abinäre Menschen besonders relevant sein kann. ACEs erfassen definitionsgemäß nur Belastungen, die vor dem 18. Lebensjahr auftreten. Viele trans und abinäre Personen beginnen ihr soziales Coming-out oder ihre Transition jedoch erst im jungen Erwachsenenalter. Nicht selten passen sich Jugendliche zunächst an familiäre Erwartungen an, um Konflikte zu vermeiden oder ihr eigenes Überleben zu sichern. In der Statistik erscheinen sie dadurch möglicherweise als vergleichsweise unbelastet. Die schwerwiegenden Folgen treten dann erst später auf: familiäre Brüche, der Verlust sozialer Unterstützung, Wohnungsnot oder andere Formen sozialer Ausgrenzung ereignen sich mit 19, 20 oder 21 Jahren. Für das ACE-Modell existieren diese Erfahrungen nicht, weil sie außerhalb des definierten Beobachtungszeitraums liegen. Das Trauma wird dadurch nicht verhindert, sondern lediglich statistisch unsichtbar gemacht.
Die Metaanalyse von Deneault et al. bleibt dennoch ein wichtiger Beitrag. Sie liefert überzeugende wissenschaftliche Belege dafür, dass LGBTQ+-Personen bereits in ihrer Kindheit und Jugend deutlich häufiger belastenden und traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt sind als die Mehrheitsbevölkerung. Für gesundheitspolitische Debatten und die Weiterentwicklung von Unterstützungsangeboten stellen diese Ergebnisse eine wertvolle Grundlage dar.
Gleichzeitig sollte die Studie nicht so interpretiert werden, als seien die Belastungen verschiedener Gruppen innerhalb der LGBTQ+-Community weitgehend vergleichbar. Die scheinbar nur geringfügig erhöhte Belastung von trans und abinären Menschen verweist möglicherweise weniger auf deren tatsächliche Lebensrealitäten als auf die Grenzen des verwendeten Messinstruments. Deshalb gewinnen in Forschung und Praxis sogenannte Expanded ACEs zunehmend an Bedeutung. Diese erweiterten Konzepte berücksichtigen neben familiären Belastungen auch Erfahrungen von Diskriminierung, Minderheitenstress, gesellschaftlicher Ausgrenzung und gruppenspezifischer Gewalt.
Für die praktische Arbeit ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz: Standardisierte Scores können wertvolle Hinweise liefern, sie ersetzen jedoch nicht das genaue Zuhören. Gerade dort, wo statistische Instrumente an ihre Grenzen stoßen, beginnen oft die Geschichten, die für das Verständnis von Belastung, Resilienz und Unterstützungsbedarf entscheidend sind. Wer mit trans und abinären Menschen arbeitet, sollte deshalb nicht nur auf die Zahlen schauen, sondern auch auf jene Erfahrungen, die in den Kategorien der Statistik keinen Platz finden.
